Das Geheimnis von Raza

Otmar Jenner

 

Links Ebbe, rechts Flut, dazwischen ein paar Meter Sand und Mangroven – Besuch auf einer rätselhaften Insel

Immer wenn Rose Merlin mein Gehirn mit ihren Weisheiten überflutet, stellt sich ein Gefühl vollkommener Ebbe ein. Das klingt, als wenn ich ihr nicht zuhören will, aber in Wahrheit ist es anders. Meine Erinnerung ist wie ein Schiff am Horizont, das langsam kleiner wird. Durch einen Zauber bin ich auf einer Insel gelandet, die Vergessen heißt.

Ich hätte es wissen müssen, als ich zum ersten Mal Roses Büro betrat. Unter einer Glasplatte auf dem Schreibtisch ein Christusbild, dem Abdruck auf dem Turiner Leichentuch nachempfunden, daneben Psalm 23 in englischer Sprache und in einem Goldrahmen auf dem Tisch die Gottesmutter Maria als himmlisch leuchtende Erscheinung. An der Wand mit blutenden Wunden Christus als Gekreuzigter. Und auf einem Stuhl mit Armlehnen die 48-jährige Roselyn Merlin, die aber nur Rose gerufen werden will.

 

„Rose, bist du die Tochter eines Zauberers, womöglich selbst eine Magierin?“

Sie, mit segnender Handbewegung:

„Nein, bloß Tourismus-Managerin.“

Ms. Roselyn Armida B. Merlin, State Tourism Operations Officer, Surigao City, Philippines steht über der Eingangstür zu ihrem Büro, also habe ich ihr geglaubt. Allerdings heißt ihre Bürohilfe Fee, das hätte mir doch zu denken geben müssen.

Dies ist eine Geschichte mit einem wunderbaren Dreh, und sie beginnt mit einer winzigen Insel in den Philippinen, einen Kilometer breit, zwei lang, eine knappe Bootstunde östlich von Surigao, der Stadt am nördlichsten Zipfel von Mindanao. Raza heißt das Eiland auf dem Schnittpunkt von 35. und 47. Längen- und Breitengrad.

 

Angeblich unbewohnt, schwer zu erreichen und doch im Reiseführer „Lonely Planet“ als weltweit einmalige Attraktion erwähnt: Denn wenn auf der Ostseite die Flut aufläuft, herrscht auf der Westseite Ebbe und umgekehrt. Ein Phänomen, dass es aus physikalischen Gründen, ja mehr noch aus kosmischen Gründen, eigentlich gar nicht geben darf, denn die Anziehungskraft des Mondes, seine Umlaufbahn um die Erde und deren Rotation sind für den Wechsel der Gezeiten verantwortlich. Gleichzeitig sind Ebbe und Flut auf unserem Planeten nirgendwo zu haben. Bis auf eine Ausnahme: die Insel Raza.

Phänomen Raza

 

Getragen von einem subtropischen Seidenwind ließ mich eine Fluglinie namens Seidenluft (Silkair) aus Singapur in Cebu einschweben , und philippinische Seidenmädchen nahmen mich in der zweitgrößten Metropole nach Manila mit einem Lächeln wie aus Seide in Empfang.

 

Sie waren überall, drückten seidig sanft einen Stempel in meinen Pass, wechselten mit Seidenglanz in den Augen mein Geld in der Bank der Unschuldigen (Prudential Bank), gaben mir ein kühl klimatisiertes Seiden-Zimmer im Hotel zum Goldenen Gipfel (Golden Peak) und wollten mich mit einem Seiden-Lächeln sogar heiraten. Keine Ahnung, ob sie das wirklich ernst meinten.

 

Schon mal was von einer Wunder-Insel gehört, die Raza heißt?

Seide wird stumpf, wenn sie nicht richtig behandelt wird. Plötzlich kicherten sie, wenn sie mich kommen sahen. In ihren Augen war ich „buang“, nicht ganz richtig im Kopf. Wen ich auch fragte – niemand in der Millionen-Stadt Cebu hatte je etwas von der Insel gehört, schon gar von einem damit verbundenen Gezeiten-Phänomen. Nicht mal Jesus F. Zamora, Doktor der Geologie, angestellt im Department of Science and Technology, einer Art Regional-Entwicklungsbehörde der philippinischen Insel-Republik. Wenigstens wollte er wissen, wo das Wunder denn genau zu bestaunen war. Ich sagte es ihm. Daraufhin rollte er mit den Augen und erläuterte mir, warum das undenkbar sei: Eine Insel der Größe mit Hochwasser auf der einen und Niedrigwasser auf der anderen Seite, also Ebbe und Flut zu selben Zeit. Bei Kontinenten sei das ja normal, auch bei Subkontinenten, wie der Insel Australien. Wenn an der Westküste der Indische Ozean zu Hochwasser aufläuft, herrscht Niedrigwasser an der Pazifikküste im Osten und umgekehrt.

Daher ist dies auch eine Geschichte, die allerhöchste Kreise zieht, und der staatliche Geologe Jesus F. Zamora, der allein schon wegen seines Namens einen guten Draht nach ganz oben haben muss, erklärt mir an der Bar meines Hotels, warum. Immerhin bewege sich unser Sonnensystem auf einer gekrümmten Bahn, während es gleichzeitig in sich rotiert. Die Erde einmal pro Jahr um die Sonne, der Mond alle 27 Tage und knapp 8 Stunden um die Erde, und die Erde alle 24 Stunden und 8 Sekunden um sich selbst. Beide im Uhrzeigersinn vom Südpol aus gesehen, weshalb die durch Massenanziehung des Mondes aufgetürmten Flutberge der Gezeiten die Meere unseres Planeten im Gegenuhrzeigersinn umströmen.

 

Der Geologe fragt, ob ich ihm folgen kann. Schwer, erwidere ich. Das Barmädchen serviert Kaffee, Zamora rührt ihn mit dem Zeigefinger um, weil der Löffel fehlt. Wir reden über die Trägheit des menschlichen Geistes und Massen, die träge von anderen Massen gezogen werden, wie Luft und Wasser von der festen Erde, auf der wir sitzen, weshalb es Winde gibt und Meeresströmungen – und die Gezeiten.

„Von der Erde aus gesehen wandert der Mond wie die Sonne von Osten nach Westen“, sagt Zamora und malt mit dem Zeigefinger einen weiträumigen Kreis um seine Kaffeetasse. „In die selbe Richtung wandern auch die ozeanischen Flutberge und Ebbetäler.“ Der Geologe greift die Tasse, trinkt einen Schluck und schwenkt sie hin und her. Der Kaffee schwappt in beide Richtungen. „Da wo der Mond gerade steht, ist Flut, weil die Mondmasse die irdische Wassermasse anzieht. Allerdings herrscht auch auf der exakt gegenüberliegenden Erdseite Flut.“

Einen Moment lang frage ich mich, ob Zamora mich verschaukeln will, dann fällt mir ein, dass ich den gleichen Gedanken schon bei meinem Erdkundelehrer hatte. Das Barmädchen kommt mit einem strahlenden Lächeln auf uns zu, fragt, ob wir noch was bestellen wollen. Sie hat einen wippenden Schritt. Mir fällt auf, dass ihre Brüste im Gegenrhythmus tanzen.

Zamora zieht ein trauriges Gesicht. „Auf der dem Mond abgewandten Erdseite ist also auch Flut. Allerdings weil hier die Anziehung durch die Mondmasse geringer ist, als sonst wo auf der Erde. Hier entsteht der Flutberg durch die aus der Erdrotation resultierende Fliehkraft.“

Verstehe. Das freut den Geologen. „Deshalb herrscht alle 12 Stunden Flut. Deshalb wechseln die Gezeiten alle 6 Stunden. Und deshalb ist Raza unmöglich.“

„Deswegen wird es ein Wunder genannt“, erwidere ich.

„Ich glaube nicht an Wunder, ich bin Wissenschaftler“, antwortet der Geologe.

Was hätte Jesus jetzt wohl dazu gesagt?, denke ich.

Zeit, sich dem Phänomen weiter anzunähern.

Der Geist Asiens (Asian Spirit), die sogenannte Airline des Volkes, fliegt mich für 43 Euro nach Surigao, der nördlichsten Stadt auf Mindanao. Genau davor hat mich Zamora gewarnt: „Das ist der Wilde Westen der Philippinen, dort kann jederzeit alles passieren.“ Die Mädchen im Hotel zum Goldenen Gipfel schauen mich ernst an und wollen mich nicht ziehen lassen: „Die Stadt ist hässlich, die Insel ist hässlich, denn es regnet dort immerzu, und die Mädchen sind auch viel hässlicher als hier. Was willst du dort? Dein Leben riskieren? Das ist utó-uto.“

 

Töricht? „Oo.“ Ja, da lächeln sie wieder ihr Seidenlächeln. Ein Lächeln, das so unvermittelt aufbricht wie eine Orchideenblüte. Arm in Arm und seidig weich stehen sie da, die drei Mädchen an der Hotel-Rezeption - ein hübscher Strauß.

Tatsächlich gibt es Gründe der zweitgrößten Insel der Philippinen fern zu bleiben. Im Süden des überwiegend katholischen Mindanao kämpfen Muslime um ihre Unabhängigkeit. Terroristen der Gruppe Abu Sayyaf zünden Bomben, entführen Ausländer, bevorzugt Amerikaner, die wiederum das Netzwerk Al Qaeda hinter den Anschlägen vermuten und die philippinischen Regierungstruppen im Kampf gegen die Islamisten militärisch unterstützen.

 

Allerdings ist im Norden von Mindanao von all dem nichts zu spüren, und die Landschaft um Surigao ist hügelig, wegen des vielen Regens nicht ausgedörrt sondern schön grün und erinnert mich an die Schweiz.

 

Die Mädchen lächeln auf dieselbe Weise wie in Cebu, nur leuchtet aus ihren Augen keine Gier. Ich sehe keine von ihnen im Arm von Rentnern aus reichen Nationen, die sich ihren Lebensabend mit hübschen käuflichen Philippinnen versüßen. Das gefällt mir an Surigao. Kein Taxifahrer, der mir seine Tochter verkaufen will, keine Heiratsanträge auf offener Straße. Dabei hausen die Menschen hier in genau so ärmlichen Bretterbuden wie in Cebu. Surigao kommt mir wie ein Wunder an Zurückhaltung vor. Eben die philippinische Schweiz . Mit Raza direkt vor der Tür. Knapp 50 Bootsminuten vom Hafen von Surigao.

 

Ein dreirädriges Moped, Tricycle genannt, karrt mich knatternd und scheppernd zur Kathedrale San Miguel. „Geh als erstes zur katholischen Kirche“, hatte Zamora mir noch gesagt, „dort wird man dir helfen, dort suchen dich die Touristenhaie nicht. Sie sind sonst überall, warten nur darauf, dich auszuplündern.“ In der Kirche: betende Seidenmädchen, was für ein schönes Bild, ein Mann am Klavier, der über das Thema „Freude schöner Götterfunke“ improvisiert, und Vater Julio Diola, ein Mann mit einem kantigen Gesicht wie Passolini. Er greift meine Hände während er mit mir spricht, wünscht mir Gottes Beistand und meldet mich beim Bürgermeister an, der mich zehn Minuten später empfängt.

 

Alfonso Casurra kennt die Insel, zu der ich will, ist dort schon häufig mit dem Boot vorbeigefahren, zum Beispiel auf dem Weg zur Nachbarinsel Nonoc, wo die staatliche Fördergesellschaft eine Zinkgrube betreibt, hat Raza aber noch nie betreten, denn „es gibt dort nichts, außer einigen Kokospalmen, Mangroven und Mücken.“

Keine Menschen, die auf der Insel leben?

„Nein, dazu ist Raza zu klein.“

 

Was ist mit dem Gezeitenphänomen? Ach ja, davon habe er natürlich gehört, aber noch nicht die Zeit gehabt, sich diese weltweit einzigartige Angelegenheit mit eigenen Augen genauer anzusehen. Einen Moment schaut er finster, dann erhellt sich sein Blick. Ja, die Fischer von Nonoc, das habe er gehört, würden regelmäßig nach Raza rausfahren, um Muscheln zu sammeln. Wenn an der Westseite Hochwasser ist, sammmeln sie an der Ostseite, weil das Wasser dort dann niedrig steht und umgekehrt. Sowie die Gezeiten wechseln, würden sie einfach zur anderen Seite fahren.

„Für die Fischer ist das wunderbar.“

 

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Der Bürgermeister blickt über meinen Kopf hinweg. An der Wand hinter mir hängt seine Ahnengalerie, Porträts der früheren Bürgermeister von Surigao. Ich frage ihn, was er wunderbar findet. Alfons Casurra lächelt. Er ist seit drei Jahren im Amt und ein pragmatischer Mann. Ich brauche ein Boot, er hat zwei und wird mir eines abgeben, weil ich der erste fremde Journalist bin, der sich in seine Stadt verirrt, was in seinen Augen ein gutes Zeichen ist, ja, ein phantastisches Zeichen, denn es ist das Dollarzeichen. Mit den Fremden kommen die Dollars, und mit fremden Journalisten kommen viele Dollars, weil sie seiner Meinung nach nette, freundliche Berichte in ihren Zeitungen schreiben, die weitere Fremde in seine Stadt locken mit weiteren Dollars. Etwas anderes als freundliche Artikel über seine Stadt kann sich Bürgermeister Casurra nicht vorstellen, dazu liebt er Surigao zu sehr. Also freut er sich. Freut sich, dass ich da bin, eine Freude, die ihm ins Gesicht geschrieben steht. Aber weil er ein feiner und kluger Mann ist, zieht er gleich wieder ein ernstes Gesicht, unterschreibt diverse Dokumente, während mir seine Sekretärin Kaffee bringt, bis er mich unvermittelt direkt ansieht und erklärt, dass ich sein Boot kostenfrei kriege, inklusive dreiköpfiger Mannschaft und Rose Merlin als Begleiterin, Übersetzerin, Führerin.

„Natürlich ist Raza auch für uns ein Wunder“, sagt Bürgermeister Alfonso Casurra, und ich ahne, wie er das wirklich meint. Was wäre Lourdes ohne sein Mysterium? Es gibt Orte, die einen greifen. Sie ergreifen den Besucher, um ihn nie wieder loszulassen, und Surigao ist so eine Stadt. Sie greift einen, weil das ihre einzige Chance ist. Mit hundertfünfzigtausend Einwohnern zu klein, um irgendwie bedeutend zu sein. Kein Theater, nur ein Kino, kein weißer Südseestrand, dafür Regen das ganze Jahr. Regen und immer wieder Regen, weil an den Bergen hinter der Stadt alle Wolken, die über die Philippinen ziehen, hängen bleiben, um hier endlich abzuregnen., weshalb einem die Kleidung feucht am Körper klebt und das bei durchschnittlich 30 Grad. Außer Raza gibt es zum Glück noch eine zweite Sehenswürdigkeit von internationalem Rang: die Hot Spots für Surfer vor der nahen Insel Siargao. Pech, dort befindet sich ein Flughafen. Wer zum Wellenreiten kommt, fliegt an Surigao vorbei und direkt dahin.

Eine Vorstellung, die Roselyn Merlin an den Rand eines Ozeans aus Tränen bringt. Denn das ist ihr Job: Touristen nach Surigao zu locken. Ein nahezu unmögliches Unterfangen. Für jemanden, der nicht zaubern kann. Mich hat sie gleich verwundert, nur habe ich es nicht gleich gemerkt. Da sind wir schon auf dem Weg zum Hafen, wieder in einem knatternden Dreirad. Unterwegs steigt Fee zu, die Fee, Merlins rechte Hand, 45 Jahre alt, also jünger als sie. Wieder zwei Seidenmädchen. So sehen sie aus, wenn sie in die Jahre kommen und hart gearbeitet haben. Müde wie welkende Orchideen, sobald sie sich unbeobachtet glauben, aber umso wacher, wenn sie lächeln, weil sie sich wahrgenommen wissen. Das gilt wohl für die gesamten Philippinen. Das Land blüht, sobald die Welt hinguckt. Viele, weit weniger arme Staaten kümmern vor sich hin, egal ob wer hinschaut oder nicht.

Rose redet unentwegt von Raza. Wie gut es für die Fischer ist, dass es die Sache mit den Gezeiten gebe, und wie gut es für den Tourismus ist, dass ich endlich gekommen bin, um der ganzen Welt diese Wunder bekannt zu machen. Ihr Singsang versetzt mich in eine schwebende Stimmung. Plötzlich kommt mir dieser Ort erst recht seltsam vor. Der Fahrer hat kaum Zähne im Mund, aber schwarz lackierte Fingernägel, die er mit gespreizten Fingern zeigt. Am Straßenrand sehe ich zwei Bettler, die ihre Körper und Gesichter vollständig mit braunschwarzen Tüchern verhüllt haben.

„Schattenmenschen“, raunt Fee von der Rückbank.

„Satánas“, schmatzt unser Fahrer und stößt ein wieherndes Lachen aus.

Rose macht eine Handbewegung, als wolle sie ein lästiges Insekt verscheuchen.

Fee tippt mir auf die Schulter: „Viele haben es schon in den Augen, den Irrsinn, den Shabu macht. Bei euch heißt es Crack.“

Der Fahrer setzt uns direkt an der Mole ab. Die Bangka des Bürgermeisters wartet schon - ein Boot mit zwei Auslegern links und rechts und einem starken Motor, der uns mit 18 Knoten aus dem Hafen flitzen lässt. Irgendwer steht da und winkt, das ist unser Fahrer. Ich habe sein Lachen im Ohr, obwohl er nur noch winzig zu sehen ist. Ob er auch schon Shabu gekostet hat? Franklin Oblenja, der Kapitän, lenkt die Bangka ins offenen Meer. Der 19-jährige Bootsjunge Jeoffrey Dacabio balanciert auf einem der Ausleger vom Heck zum Bug, stellt sich auf die Spitze; nur an einem Seil hält er sich fest und schaut übers Meer, mit flatternden Haaren im Wind, der aus dem Osten bläst. Wir hüpfen über die Wellen wie ein Stein, den ein Werfer über einen Teich springen lässt. Der Himmel ist verhangen. Wolken ziehen über Wolken hinweg. Stockwerke aus Wasser und Luft, die sich gegeneinander bewegen.

„Das ist das Haus, in dem unsere himmlischen Heiligen wohnen“, sagt Rose, und ich bemerke, was für einen schönen Klang ihre Stimme hat. Manchmal bricht die Sonne durch, scheint mir sekundenlang in die Augen und ist gleich wieder weg. „Gott zeigt uns Wunder, damit wir uns erinnern, wer wir wirklich sind.“

Ich fliege. Im Geiste fliege ich zu der Insel, die gerade am Horizont auftaucht. In grauen Umrissen, denn Nebel liegt jetzt über dem Wasser. Und: Es regnet schon wieder.

„Was ist das für eine Insel, Rose? Schon Raza?“

„Nein, Day-Asan, das schwimmende Dorf in den Mangroven. Sehr romantisch, willst du es dir ansehen?“

„Nein, wie weit noch, Rose?“

„Eine halbe Stunde. Wenn das Wetter mitspielt.“

Fee: „Ich bete, dass kein Sturm aufkommt.“

Ach, du gute Fee, tu das bitte, denn ich muss ans Ziel, muss das Wunder sehen, dafür bin ich um den halben Erdball gereist, habe Bücher über Gestirne und Gezeiten gewälzt. Geduld, Fee hat für Reiseverpflegung gesorgt. Geröstete Calamari, Huhn in süßer Soße, dazu Reis, geschälte Mangos als Nachspeise. Die Jagd nach dem Wunder macht hungrig. Ein Gefühl, dass Rohelio Limbaco, den zweiten und dicken Bootsmann, offenbar nur selten loslässt. Mit beiden Händen schaufelt er Reis, Calamares, Huhn, Mangos in sich hinein. Ob ich die Philippinen mag, Mindanao, den Bürgermeister und seine Stadt, erkundigt er sich mampfend. Das hat schon einer gefragt. Vor der Abfahrt stand plötzlich ein Reporter von Radio-Surigao in Roses Büro, hielt mir ein Mikrophon hin und wollte wissen, wie ich die den Bürgermeister finde und den Ort seines Wirkens.

„Ganz groß“, erwiderte ich, lobte die Freigiebigkeit von City Major Alphons Casurra und pries das einnehmende Wesen der Bewohner von Surigao, insbesondere das der Tourismus-Expertin Roselyn Merlin. Der Radio-Reporter formte meine Worte mit seinem Mund nach, während ich sprach. Als ich geendet hatte, grinste er über beide Backen, und sein Grinsen sah aus wie eine Sichel, die jemand in sein kreisrundes Mondgesicht gemalt hat.

Zweite Frage: „Was bedeutet die Insel Raza für die Welt.“

„Ein Mirakel von allererstem Rang“, antwortete ich. „Wenn es sich herumspricht, werden viele kommen, die es bestaunen wollen.“

„Gutes Interview“, meint Rose jetzt und schiebt sich eine Mango-Scheibe in den Mund.

Das ist der Moment, als das Schiff einen Schlag bekommt. Keiner hat das kommen sehen. Mir reißt es den Rest vom Essen aus der Hand. Irgendwie hält sich Jeoffrey auf dem Bug. Rose und Fee kreischen wie aus einem Mund. Nur der Dicke frisst ungerührt weiter. „Ein Strudel“, erklärt er mit vollem Mund. Kapitän Franklin Oblenja drosselt den Motor. „Kleine Schiffe zieht es hier schnell runter. Vor zwei Tagen ist wieder eins abgesoffen. Die Fischer müssten es eigentlich wissen. Aber manchmal wechselt das Wetter zu schnell. Bei heftigem Regen oder Sturm sind sie orientierungslos. Dann kann es leicht passieren. Daután.“

„Ja, schrecklich“, echot Fee.

„Kann sein, dass wir für heute umkehren müssen“, meint Rose.

Ich protestiere, Bangka-Kapitän Oblenja beruhigt mich: „Noch geht’s.“

Die Wellen werden höher, schlagen ins Boot während wir die Insel Kablo passieren, eher eine Sandbank als eine Insel, aber von Mangroven umgeben, die sich im flachen Wasser in den Boden krallen. Dies ist die Hinatuan Passage, das Nadelör zwischen dem großen Mindanao und der kleineren Insel Nonoc im Norden. In der Passage herrsche ein ständiger Tidenstrom, ruft Oblenja, um das Klatschen des Wassers an der Bootswand zu übertönen. Hier treffen Ozeane aufeinander. Der indische auf den pazifischen. „Und Raza liegt mitten drin.“

Ich rufe zurück, ob er eine Erklärung für das Gezeiten-Mysterium hat. Da verdreht er die Augen nach oben.

„Gott ist groß“, brummt der Dicke, möglich, dass er Muslim ist.

Rose sitzt mit gefalteten Händen da, während wir über weitere Strudel fahren.

Einmal umschiffen wir eine Stelle, an der das Meer vollkommen ruhig scheint. Sieht seltsam aus, wie eine Kuppel aus Wasser, das aus dem Zentrum zu den Rändern strömt.

„Da hätten wir nicht rüber fahren dürfen“, ruft Oblenja.

Am Horizont erheben sich drei grau-grüne Streifen aus dem Meer. Einer muss Raza sein. Immerhin sind wir schon eine Stunde unterwegs. Rose weiß nicht, welcher, Fee auch nicht; der Dicke ist ebenfalls ratlos. Lustige Vorstellung: Wir sind soweit gekommen und finden die Insel nicht. Oblenja zieht eine Seekarte hervor: „Links, das gehört zu Nonoc. Die mittlere, das ist Raza.“

Um es gleich zu sagen, ich hatte mir die Insel anders vorgestellt : weißer Strand, Palmen, und wenn schon unbewohnt, mit einer verlassenen Hütte darauf. Dann das Wunder: sichtbar. Keine Ahnung, wie. Vielleicht in Form eines Eilands in einem seltsam schiefen Meer, weil ja Ebbe auf der einen Seite ist, wenn Flut auf der anderen herrscht.

Nichts davon. Raza sieht aus wie eine Nordseeinsel bei Schlechtwetter. Eine flache, mit Gras bewachsene Insel, auf der sich zwei fast gleich große Hügeln erheben, die von Bäumen bewachsen sind, könnten Birken sein, vielleicht aber auch Tannen. Aus der Entfernung und bei dem Wetter schwer zu erkennen. Und keine Spur von einem Gezeiten-Phänomen.

„Weil ja auch Flut ist“, erklärt der Kapitän. „Ebbe ist auf der Seite, die wir nicht sehen.“

Da bin ich aber beruhigt. Rose lächelt verunsichert, die Hände immer noch gefaltet. Fee reibt sich die Augen. Der Dicke hat sie geschlossen. Ich fühle Müdigkeit. Was ist, wenn es das Wunder in Wahrheit gar nicht gibt? Was ist, wenn Rose Merlin die Legende vom Gezeiten-Phänomen in die Welt gesetzt hat, um jemanden wie mich in diesen gottverlassenen Winkel der Welt zu locken. Ich habe es geahnt, jetzt weiß ich es. Der Eintrag im Lonley Planet – nur dazu da, meine Neugier zu wecken, denn das ist es, womit man mich kriegt, immer. Na ja, fast immer.

„Das wunderbare an Wundern ist, dass nur die sie erblicken, die wirklich reif dafür sind“, sagt Rose. Dabei leuchten ihre Augen auf eine Weise, wie ich sie noch nie gesehen habe. „Ja, das wirklich wunderbare an Wundern ist, dass man sie übersieht, solange man noch nicht bereit ist für den Anblick“, sagt Rose und schaut mit ihren leuchtenden Augen direkt in meine. Irgendwas wird dabei ausgeknipst. Im Nachhinein weiß ich, dass es meine Gedanke sind. Ich denke nichts, nicht das Geringste, nicht mal ans Nichts denke ich, sondern bin einfach nur da, das fühle ich, aber denke es nicht. Mein erster Gedanke hinterher: Seltsam, ich habe gerade eine Ewigkeit nichts gedacht.

„Rose, was hast du mit mir gemacht?“

Plötzlich sitzt sie in einem Strahl aus Licht. Das ist die Sonne, die wieder durch die Wolken bricht. Jetzt leuchtet auch das Meer. Und Raza schimmert im Sonnenschein. Eine Südseeinsel mit Palmen auf zwei Hügeln, umgeben von Mangroven-Hainen.

„Rose, wie hast du das gemacht?“

„Du weißt doch, dass sie zaubern kann“, lächelt Fee. „Wer Merlin heißt, muss das einfach können. Hast du das nicht selbst gesagt?“

Kann ich mich gar nicht dran erinnern.

„Lass dir von Fee keine Märchen erzählen. Sie tut das gern, und die meisten Menschen fallen auf ihre Geschichten rein“, strahlt Rose. „Davor habe ich dich von Anfang an gewarnt.“

Hast du das? Muss ich überhört oder vergessen haben.

„Das ist nicht schlimm, Oti.“

Das ist nicht schlimm, widerhallt es in meinem Kopf.

„Nein überhaupt nicht schlimm, Oti“, lacht Fee und klatscht sich dabei mit beiden Händen auf die Schenkel, weil sie sich über den Nicknamen freut, den Rose mir gerade verpasst hat.

„Wollt ihr mich etwa verrückt machen?“

„Nein, nur reinigen, denn du bist mit unsauberen Gedanken zu uns gekommen und hast im Geiste Gott gelästert.“

Dann Fee salbungsvoll: „Weil du dem Wunder misstraust und damit auch uns.“

Beide lachen lauthals, komischerweise machen sie mir keine Angst. Kurz darauf stehe ich mit beiden Beinen bis zu den Oberschenkeln im Wasser, die Hosen hochgekrempelt, aber natürlich trotzdem nass. Macht nichts, das Meer ist warm, fast körperwarm. Trotz Flut konnten wir mit dem Boot nicht direkt an die Küste, ankerten daher vor der Westseite, um die letzten zwanzig, dreißig Meter zur Insel zu waten. Fee hält meine Hand, Rose warnt mich, ja nicht auf einen Seestern zu treten. Irgendwie finde ich es angemessen, mich einem Wunder von Weltrang mit bloßen Füßen zu nähern. Rose schreitet mit ausgestreckten Handflächen durchs Wasser, als wollte sie das Meer segnen, und genau das tut sie auch. „Der Herr ist mein Hirte“, höre ich sie mit singender Stimme sagen, „mir wird nichts mangeln. Er lässt mich auf grünen Auen lagern und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. Er stillt mein Verlangen, er leitet mich auf rechten Pfaden. Amen.“

Fee drückt meine Hand: „Amen.“

„Amen“, sage ich, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll.

„Jetzt bist rein genug, um Wunder zu sehen“, sagt Rose.

Was ich sehe: Mangroven. Zum ersten Mal in meinem Leben. Armdicke Wurzeln, die aus dem Meer ragen und sich über der Wasserlinie zu einem Stamm vereinigen, woraus ein Baum mit sattgrünen Blättern erwächst. Was ich noch sehe: Mücken, wie sie der Bürgermeister versprochen hat. Schwärme von Mücken, die sich in diesem Moment auf mich stürzen, was kein Wunder ist, weil ein Blut in meinen Adern fließt, das sie noch nie gekostet haben. Ach, ihr wunderbaren Wundermücken, stecht nur, saugt nur, das macht mir nichts, denn ihr übertragt keine Malaria und auch kein Dengue-Fieber, weil ihr von der Wunderinsel seit, dem weltweit einmaligen Gezeiten-Phänomen, von dem die Menschen bald überall reden werden, denn ich bin der herzensreine Botschafter dieses Phänomens.

„Richtig“, sagt Rose, „ohne dich wären wir nicht hier.“

„Ja“, bekräftigt Fee, „du musstest kommen, ums uns hier her zu führen.“

Möglich, dass ich gleich den Verstand verliere. Jedenfalls weiß ich, dass ich Raza anders verlassen werde, als ich gekommen bin. Rose lässt mich voraus waten, damit ich die Insel als erster betreten kann.

Was ich merke, als ich an ihr Ufer trete: Steine. Grau, vulkanisch, spitz. Sie tun meinen Füßen weh, und ein Kribbeln steigt mir die Beine hoch, fährt in meine Lenden und an meiner Wirbelsäule hoch und knallt direkt in meinen Kopf. Ich werde rot. Ja, ich fühle, dass ich rot werde wie ein Teenager, der gerade eine Liebeserklärung bekommt, und dabei höre ich ein Summen in meinem Ohr, oder vielmehr ein Brummen. Einen Moment fürchte ich, mir wird gleich schwindelig werden. Dann ist das Brummen wieder weg.

„Das ist Raza“, höre ich Rose sagen. Ihre Stimme klingt meilenweit entfernt. „Man hat mir berichtet, dass die Insel eine besondere Kraft hat, und jetzt sehe ich, dass es stimmt.“

„Wir warten hier auf dich.“ Fees Stimme klingt noch weiter weg.

„Pass auf dich auf.“ Das ist wieder Rose. „Und unterschätze Raza nicht.“

Das war vor einer Stunde. Jetzt habe ich schreckliche Kopfschmerzen und liege mit einem nassen Lappen auf der Stirn im Boot. Die beiden Jungen mussten mich zurück tragen. Aus eigener Kraft hätte ich es nicht geschafft – behaupten Rose und Fee. Ich muss zugeben: ich weiß es nicht. Was habe ich auf Raza gemacht? Die richtigen Schritte, hoffe ich. Es gab nur einen Weg. Der führte durch die Mangroven einen kleinen Hügel hinauf. Oben auf der Spitze wuchs eine einzige Palme, und ich habe meine Stirn an ihren Stamm gelehnt. Warum ich das tat? Auch das weiß ich nicht. Jedenfalls pochte mein Kopf danach nicht mehr so stark. Es gab noch einen zweiten Hügel, auch der von Kokospalmen bewachsen, aber der Weg führte weiter in die Mangroven, die auch das Innere der Insel bewachsen. Ich bin diesen Weg gegangen, daran erinnere ich mich jetzt, weil ich ihn gehen musste. Jeden Meter habe ich es gespürt: Ein Wille trieb mich an. Keine Ahnung, ob es mein eigener oder ein fremder war. So erreichte ich die Sandbank auf der anderen Seite, einen schmalen Streifen mit einem Strand am Meer. Und so fand ich auch das verfallene Haus und das Zelt aus alten Planen. Vor dem Zelt saßen ein Hund und ein Hundewelpen und schauten mich an. Keine Menschenseele war zu sehen. Ich hockte mich zu den Hunden. Sie jaulten und wollten mit mir spielen. Dann hörte ich wieder das Brausen in meinen Ohren. Und dann bin ich umgekippt. Ich muss umgekippt sein, sonst hätte mich die Bootsjungen ja nicht so finden können. Ach ja, das Gezeitenwunder, ich habe es erblickt. Auf dieser Seite war tatsächlich Ebbe, denn es gab zwei Streifen am Strand, und das Wasser stand am unteren. Möglich, dass der Anblick der Grund für meine Ohnmacht war.

Man brachte mich mit dem Boot nach Nonoc, dem Fischerdorf auf der gleichnamigen Insel. Ich weiß, dass sich Rose und Fee Vorwürfe und Sorgen um mich machen. Dafür sehe ich keinen Anlass. Immerhin habe ich Raza betreten wollen, und ich kann nicht erkennen, dass es mir nachhaltig geschadet hat.

„Er ist schon wieder okay“, meint Senior Rustico Lisondra und nimmt die Hand von meiner Stirn. Ich liege auf dem Sofa in seinem Haus. Seine Frau, fünf Kinder, Rose, Fee, die Botsbesatzung und das halbe Dorf stehen um mich herum. Lisondra hat ein Gesicht, so runzlig wie eine Auster, ist der Capitan von Nonoc und spricht Englisch mit einem breiten, amerikanischen Akzent. Den hat er im Fernsehen bei der örtlichen Übertragung unzähliger John Wayne-Filme und deren nicht enden wollender Wiederholungen erlernt, weshalb er Sätze gern mit Well beginnt. „Well“, sagt Senior Lisondra, „auf der Insel hättest du dir leicht was holen können. Mann, da hausen Zigeuner, man weiß nie, was die mit einem machen.“

„Ja, Mann“, bekräftigt ein hageldürrer Mensch an meinem Lager, der wie Lisondra spricht und Belboot Bolborosa heißt. „Deshalb gehen wir ihnen aus dem Weg.“

„Aber sie waren nicht da, als ich auf Raza war.“

„Du hast sie nur nicht gesehen, denn ich weiß, dass sie da waren. Sie sind immer da.“

„Well, immer, das kannst du glauben, Mann.“

Ich will aufstehen, aber der Capitan meint, dass es besser ist, wenn ich liegen bleibe. Ich frage ihn über Raza aus. Die Insel sei bei den Fischern von Nonoc sehr beliebt, erwidert er und erklärt, wie stark die Strömung in der Hinatuan Passage ist. Sie allein treibe die Fische in die Netze. Besonders vor Raza und auf der Seite, wo gerade die Flut aufläuft.

Und auf der Seite, wo gerade Ebbe ist?

„Da sammeln sie Austern und andere Muscheln, Mann.“

„Für die Fischer von Nonoc ist es ein Paradies“, höre ich Rose singend sagen. Wie kann ich sie zum Schweigen bringen? Nur einen Moment, denn ich will einen klaren Kopf behalten. Wie oft wechseln Ebbe und Flut, frage ich den Capitan.

Der greift sich ins Gesicht, als wolle er Papier zerknüllen, reibt sich die Augen. Hinterher sieht er noch zerknitterter aus. „Well, bei Neu- und Vollmond wechseln die Gezeiten alle zwölf Stunden und bei Halbmond alle sechs.“ Der Capitan denkt nach, zumindest sieht er so aus. „Danach hat schon einer gefragt.“ Er sagt etwas zu seiner Frau. Die bringt einen Zettel. „Cusi“ steht darauf und dahinter eine Nummer. Wer bringt mir ein Telefon? Rose hat ihr Handy dabei, und es funktioniert. Ein Wunder? Nein, die Philippinen haben eines der leistungsstärksten Funknetze der Welt.

Cusi ist schon dran. Professor Michael Anthony, Meeresbiologe der San Carlos Universität von Cebu City. Warum ich nicht in seinem Büro vorbeigekommen bin, wenn ich schon in Cebu war, will er wissen. Das hätte meine Reise erheblich verkürzt, denn Raza sei kein Wunder, auch kein Rätsel, allerhöchstens ein Phänomen und er könne es mir erklären.

Ich bitte darum, entgegne ich. Seine Stimme klingt blechern durchs Telefon und unwirklich. Im Zimmer des Capitan ist es plötzlich vollkommen still. Alle wollen mithören, was der Meeresbiologe sagt.

„Stellen Sie sich einen Brückenpfeiler in einem Fluss vor. Wenn die Strömung stark genug ist, bildet sich auf der Seite, wo die Strömung auftrifft, eine Welle, und auf der Seite, die der Strömung abgewandt ist, bildet sich ein Wellental. So ist es auch mit Raza. Die Insel liegt wie ein Pfeiler im Tidenstrom. Bei auflaufendem Wasser, also Flut, strömt es nach Osten zum pazifischen Ozean. Bei ablaufendem Wassser, Ebbe also, strömt es nach Westen. Im Hochwasserstrom bildet sich eine Phantom-Flut auf der Westseite und eine Phantom-Ebbe auf der Ostseite und umgekehrt.“

„Ein Phantom“, höre ich Fee whispern.

„Well, ein Phantom also“, echot der Capitan.

Ich sage dem Biologen, die Leute von Nonoc hätten beobachtet, dass die Tiden bei Voll- und Neumond alle zwölf Stunden wechselten und bei halbem Mond alle sechs.

„Leicht zu erklären“, antwortet Professor Cusi. „Wegen der Stellung des Mondes im Verhältnis zur Sonne und zur Erde fällt ein Hochwasser innerhalb von einem 24-Stunden-Zyklus bei Vollmond und Neumond besonders stark und eines kaum wahrnehmbar schwach aus. Das Gleiche gilt auch für Ebbe.“ Und je weiter es auf Halbmond zugehe, umso mehr würden sich die Tidenstärken angleichen, so dass bei Halbmond ein Wechsel von allen sechs Stunden zu beobachten sei. „All das gilt auch für die Phantom-Gezeiten auf Raza.“

Ich bitte den Biologen, das Phantom für mich aufzumalen und mir die Zeichnung per Email zu senden, was er verspricht.

Rose hat schlechte Laune. Ich sehe es in ihrem Gesicht. Natürlich sagt sie es nicht, natürlich lächelt sie, um ihre miese Stimmung zu verbergen. Was ist los, Rose? Keine Antwort. Es ist schon spät, zu spät, um mit dem Boot nach Surigao zurück zu fahren. Alle müssen im Dorf übernachten. Rose spricht ein Gebet zum Essen, der Capitan fragt, welche Wayne-Filme ich gesehen habe. „The Quit Man“ zum Beispiel, mit Maureen O’Hara in der Hauptrolle. Ausgerechnet den kennt er nicht. In der Nacht zeigt er mir sein Saxophon, auf dem er aber schon lange nicht mehr spielt. „Schade“, sage ich. Zu gern hätte ich den Ornette Coleman Klassiker „Broadway Blues“ vom ihm interpretiert gehört. „Well, wirklich schade“, bestätigt der Capitan. Nur zum Urinieren lässt er mich vom Sofa aufstehen und prüft regelmäßig mit seiner Hand auf meiner Stirn, ob ich noch erhöhte Temperatur habe. Wir trinken philippinischen Rum, weil das seiner Meinung nach mein Fieber senkt.

Am nächsten Morgen habe ich einen Kater und fühle mich prächtig damit. Bei jedem Schritt pocht mein Kopf, so weiß ich immer, dass er noch da ist und nicht weggezaubert von Roselyn Merlin, und diese Gewissheit bekommt mir gut. Der Capitan muss das geahnt haben, denn zum Frühstück verabreicht er mir als erstes wieder einen kräftigen Schluck.

Ich will noch mal nach Raza zurück. In den Augen des Capitans keine gute Idee. „Mann, dann wirst du wieder krank. Well...“

„Well was?“

„Die Zigeuner, sie sind wie Tiere. Und sie sind nicht ganz richtig hier.“ Der Capitan tippt sich an den Kopf.

Rose und Fee versuchen mich ebenfalls abzuhalten. Belbot Bolborosa bringt mich trotzdem hin. Es ist ein herrlicher Morgen. Die Sonne geht über Raza auf. Eine leuchtende Orange, wie zu Weihnachten in den Himmel gehängt. Bolborosa bringt mich an Land. Die Zigeuner warten schon vor ihrem Zelt. Jedenfalls sehen aus, wie wenn sie warten würden, denn sie sagen nichts. Bolborosa, der sie kennt, flüstert mir ihre Namen zu. Sie nicken nicht mal, als sie die hören. Wortlos blicken sie mich an. Ein Mann und eine Frau. Keine Ahnung, wo ihre Kinder sind, neun, hatte der Capitan gesagt. Die Hündchen sind auch nirgends zu entdecken. Der Mann hockt auf seinen Unterschenkeln, die Arme über den Knien verschränkt. Die Frau sitzt mit ausgestreckten Beinen im Sand.

Ich schaue den Mann an und dann die Frau. Der Mann erwidert meinen Blick, schaut mir direkt ins Gesicht, direkt in die Augen, und seine blinzeln dabei nicht. Ich will meine abwenden, weil ich denke, jetzt passiert wieder so was wie bei Rose, aber das gelingt mir nicht. Wieder setzt etwas aus, nicht unangenehm, nur irgendwie fremd. Keine Ahnung, wir lange wir so dasitzen und einander anstarren, wortlos, still. Auch Belbot gibt keinen Ton von sich. Nicht mal die Palmen und Mangroven rauschen während der Mann, den sie auf Nonoc nur „Den Zigeuner“ nennen, mir in die Augen schaut.

Es ist ein Blick, den ich in Erinnerung behalten werden. Mein Eindruck: Ich bin eine wandelnde Zapfsäule westlicher Zivilisation, und jetzt tankt „Der Zigeuner“ all mein Wissen, indem er mich einfach nur ansieht. Alles, was ich je gedacht, geträumt, gesehen und gefühlt habe, nimmt er in sich auf, weil das seine Art ist, sich Wissen und Erfahrungen Anderer zu Eigen zu machen. Und mein Gefühl in diesem Moment: Das ist vollkommen okay.

Noch immer schaut er mich an, immer noch ohne zu Blinzeln, und ganz langsam verändert sich dabei sein Gesicht. Es beginnt zu lächeln. Ein leichtes, feines Lächeln, das in den Augenwinkeln beginnt und nach und nach Wangen und Mundwinkel erfasst. Und plötzlich muss der Zigeuner lachen. Erst kichernd und leise, dann immer lauter und schließlich heftig, wie über einen wirklich gelungenen Witz. Irgendwann kippt er einfach um vor Lachen und kugelt über den Boden. Und was seltsam ist: Ich lache mit. Erst nur ganz wenig und dann... Hat die Welt mich je zuvor so lachen gehört? Es fährt mir in Wellen durch die Bauchmuskulatur. Wie der Zigeuner lasse ich mich in den Sand fallen, um bequem und nach Herzenslust lachen zu können. Wie gut das tut. Ich glaube, die Palmen, die Mangroven, der Sand, die Insel, die Frau, ja jeder und alles lacht mit, auch der dürre Belbot Bolborosa, der in voller lachender Länge wie ein Seil aussieht, dass jemand am Kopfende gepackt hält und schüttelt.

Dafür habe ich den ganzen, weiten Weg gemacht: um das Lachen zu lernen. Jetzt kann ich beruhigt Abschied nehmen. Ja, es gibt das Wunder von Raza, und ich habe es gesehen. Kurz vorm Abflug aus Surigao treffe ich noch mal den Bürgermeister. Er freut sich, dass es mir gut geht und mein Besuch erfolgreich war. Und: Ob ich Raza kaufen will. „Es gehört einem Ingenieur aus Manila. Für 20.000 Dollar kannst du die Insel haben.“

„Ich werde darüber nachdenken“, verspreche ich.

 

Als wir sie schließlich fanden , funktionierte die Schlüsselkarte nicht. Und, „rumms“,  fiel wieder  mit lauten Knall ein Stern zu Boden.

 

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​Zuerst erschienen im Magazin "MOON"

Credits

Text / Otmar Jenner

Lektorat: Ada Delsolco

Translator: Artemis Meereis

Foto / Fjuan Federico Bartelsman

Marmor / Prairat Fhunta 

Hippies im Vondelpark / Fotograaf: Onbekend Bert Verhoeff / Anefo / Nationaal Archief / Commons Wikimedia

Monument op de Dam 1973 / Fotograaf: Bert Verhoeff / Anefo / Nationaal Archief Materiaalsoort / Commons Wikimedia

Wintertuin / NH Collection Grand Hotel Krasnapolsky /Wikimedia Commons

The Wintertuin / JvhertumWikimedia Commons

Red Light District / Thijs PaanakkerNon-physical cheat / Wikimedia Commons

Lektorat Ada Delsolco

Type: Bembo Std / download free fonts

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