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„Der erste Chat“

von Moana Bee

Ich studierte einmal, um in die Forschung einsteigen zu dürfen. Und jetzt forsche ich wirklich, jedoch nach anderen Ergebnissen als für die der Wissenschaft. Was passiert zum Beispiel, wenn ich auf den Reiter »Apps und Bots« klicke? Logisch, da kann man sich dann beliebige aussuchen, doch welche bitte unter den Dutzenden? Ticket show, keep it going, roll the dice, token keno, ultrabot und und und… Um einen umfassenden Überblick zu bekommen, bräuchte ich ein Semester mindestens dafür allein, aber dunkel noch kann ich mich an den Hinweis von Johann erinnern, als er irgendwelche ‚Belohnungen‘ erwähnte und suche daher nach etwas, was ungefähr hinkommen könnte.

 

Da, sechste App von rechts in der obersten Reihe – tip menu. In etwa wie eine Speisekarte, auf der man bis zehn verschiedene Appetithäppchen zu selbst bestimmten Preisen angeben kann. Eine recht simple Aufgabe an sich, aber einfach, wie Männer zum Großteil gestrickt sind, steige ich beim fünften Eintrag bereits heillos überfordert aus. Arsch, Titten, Nippels, Muschi – das ist im Wesentlichen alles, was sich testosterongesteuerte Wesen in der Regel zu sehen wünschen  und als Neueinsteigerin biete ich den Anblick auf die jeweiligen Körperteile gern in Spezialangebot: Magere 30 Tokens, um mit meinem noch magereren Sitzfleisch zu wackeln, das sind keine 1,5 Euro, durchaus leistbar also selbst für die Geizigen unter den Sündern, 40 werden mit einem Blick auf meinen Oberteil belohnt, 70 und die Nippels springen ganz kurz raus, für 80 machen es meine Schamlippen… Und was noch?

Blitzrecherche bei meinen Nachbarinnen. Busenmassagen mit Öl oder Speichel, close-ups, Spanking, Strip-Tease, Finger lutschen et voilà!, eine gute halbe Stunde später ist Moanas Menü fertig, und wer sie ganz für sich alleine vernaschen möchte, dem kommt das Vergnügen dann um einiges teuerer: 60 Tokens die Minute, bei 2,5 € circa einer der höchsten Sätze, die ab 6 beginnend im Dropdown-Menü zur Auswahl stehen.

Erlaube ich die Aufnahme meiner private Shows?

Jetzt wird’s heikel. Nein!, wehrt sich mein Schamgefühl, unbedingt!, brüllt der Geschäftssinn und setzt sich nach hitzigem Gefecht kategorisch durch. Weil’s eh wurscht ist, was ich da anklicke. Wer trotz Verbot mitschneiden will, der braucht keine Genehmigung, sondern lediglich eine böse Software und heutzutage kann sich jeder Volksschüler problemlos damit helfen.

Dürfen andere meine Privatshows spionieren?

Logisch, so verdiene ich extra dazu, 6 Tokens pro Spanner lege ich großzügig fest, und ob ich mich vor einem einzelnen nur oder mehreren blamiere, ist auch schon egal.

Geburtsdatum. Hehe, hier darf man schummeln. Fünf Jahre nach meinem eigenen geht bei schlechter Beleuchtung auf jeden Fall durch, zwanzig gar bezogen auf meine Figur angeblich, doch meine müde Fratze sieht man ja auch und um mehr als ein paar Jährchen bloß verjüngt sie mein Make-up eben nicht leider.

Nun sind die Länder dran, die blockiert werden sollten. Schließe ich alle aus, wo ich Bekannte habe, bleiben nicht viele übrig, aber was kratzt mich das schon, dort werde ich sowieso nie wieder hin bei meiner Pleite, daher beschränke ich mich auf vier: Meine Heimat und die drei mit den Bewohnern, die sich gegenseitig auf Deutsch beschimpfen.

Welche Apps zusätzlich unseren Job erleichtern könnten, darüber mache ich mich erst beim nächsten Mal schlau. Falls ich sie brauchen werde überhaupt, die junge, durchschnittlich attraktive Blondine, von der ich mir letztens abgeschaut habe, brauchte jedenfalls keine einzige. Unauffällig in T-Shirt und weißem Schlüpfer gekleidet, lachte sie die Cam an, zeigte gelegentlich ein wenig Haut und bedankte sich lau für den Geldregen, mit dem sie unaufhörlich gesegnet wurde, obwohl sie nicht mal zu verstehen schien, wofür sie ihre Fans derart fürstlich belohnten.

Und warum sollte ich nicht Ähnliches hinkriegen, noch dazu in solchem Softporn-Outfit, bitteschön, da kann sich jeder alle zehn Finger abschlecken auf ein Stelldichein mit dieser MILF, die es faustdick hinter den Ohren hat.

Ohne Werkzeug nützt mir die ganze Inszenierung jedoch nicht viel, ich hole meinen Zauberbeutel und daraus meine Hauptspielgefährten für einsame Nächte: Mr. Donald the presidential Prick, steif, durchsichtig, knallpink, von mittelmäßigem Format und daher größenwahnsinnig, dessen vibrierende blaue Assistentin Mrs. Nixe, so getauft, weil‘s vom Design her an eine solche erinnert, und Chuck Norris, das monströs lange, zweiköpfige Gerät ursprünglich für beidseitiges Vergnügen gedacht, hätte ich bloß einen aufgeschlossenen Lover mit extra dehnbarem Anus dazu gefunden.

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Gimme gimme gimme some good times… Yeah, Lou, lass es rocken mit deinen Velvet Underground, wir wollen hier keine Techno-Folter wie in den meisten anderen Chaträumen. Das allein würde mich sofort davon jagen, ich bin wohl zu altmodisch, aber meine Ohren brauchen Musik und keinen Presslufthammer. Pink Floyd, Zappa, Hendrix, Rolling Stones, The Doors, etwas Trip-Hop für zwischendurch mit Klassikern wie Tricky, Morcheeba, Mars Attack und mein Soundtrack ist ready.

Es fehlen nur mehr die Lichteffekte, draußen wird‘s dunkel schon, ich ziehe die Vorhänge zu, tauche mein Boudoir in schummriges Rot und drapiere mich dann gezwungen lässig auf den Kissen, während sich in meinem Kopf ein Refrain hartnäckig wiederholt. Einen Knopfdruck bloß, dann ist Moana online und einmal im Netz, für immer im Netz. Ja eh, aber einmal Penner, für immer Penner, ich werde bestimmt nie wieder zu Ware auf dem Arbeitsmarkt und bei meiner Laufbahn nimmt mich sowieso keiner mehr. Einen Titel in Geisteswissenschaften, zehn Jahre als Fußabtreter und danach über drei als Mädchen für alles – mit solchen Qualifikationen komme ich höchstens in Keller zu irgendwelchen illegalen chinesischen Sklaven unter.

 

Alsdann. Einatmen… anhalten… ausatmen… Alright, Moana. Switch your cam on. Smile. Broadcast yourself.

Auf der linken Seite des Bildschirms locken ihre roten Lippen, auf der Rechten befindet sich das Fenster für den öffentlichen Chat. Eine Meldung poppt in dem Moment auf, wenn sich jemand dazu gesellt, xy entered the room, heißt es dann.

"Hi bb!", begrüßt sie einer der ersten Besucher, hru?, und Moana braucht einige Sekunden, um zu schnallen, was er damit meint. Die zwei Bs stehen für baby logischerweise, die Buchstaben danach für how are you und sind also kein lautmalerischer Ausdruck für ‚rotzen‘.

 

„New here?“

„Yes“, tippt Moana verkrampft lächelnd ein.

„Ur very pretty.“

„Thanks!“, tippt sie erneut.

„Du kannst aber auch reden, wir hören dich ja.“

Mein Gott na, wie doof bin ich denn? Wozu hätte ich Musik gemacht ansonsten?

"Wo sie herkommt?", will er von Moana wissen, "From the dark side of the moon", haucht sie ins Mikro, "Lol, zeigst mir deine Titten?"

Sicher nicht, der hat doch keine Tokens, das habe ich gleich an der Farbe seines Nicks überrissen. Grau. Das sind jene ohne Guthaben, wird in manchen Foren erklärt, und dass die ganz nett sein können, aber gern schnorren teilweise. In der Farbenhierarchie folgen dann die Knauser, hellblau und mit Tokens zwar, von denen sie jedoch kaum welche hergeben, verbittert um unsere Gunst im Kampf gegen die höher stehenden Tiefblau bis –violetten, die ihr Hab und Gut auf einer Skala von mäßig zu unerschwinglich gern oftmals an uns verschwenden.

Einige solcher Exemplare haben sich zu unserer Biene verirrt, klingelingeling, macht es auf einmal, um den Po der hotten Lady bewundern zu dürfen. Nicht mal für eine Rolle Papers reicht das, aber Business ist Business. Fr. Dr. hebt sich vom Futon, Rücken zur Cam, Becken lasziv schwankend, zieht den Minirock langsam und nach vorne gebeugt bis zu den Hüften hoch, versucht zum Sound von »Walk on the wild side« mit ihren knochigen Backen zu wackeln und kommt sich dabei äußerst bescheuert vor.

"Nice butt", liest Moana, als sie sich erneut hinflegelt, und dass ihr bescheidener Gönner den Raum verlassen hat hinterher. Schade. Aber immerhin eine Schmeichelei zu meinen ersten Münzen, oder Lüge besser gesagt, hat mir Mutter Natur doch einen Arsch beschert, der seit meinem 10. Lebensjahr schlicht nimmer wachsen will, obwohl ich ihn nahezu täglich gezielt dazu trainiere.


Hätte mein zahlungskräftiger Verehrer bloß ein bisschen mehr hingeblättert anstatt zu knausern, eine ganze Rolle Papers plus Filter und schon wären die Nippel raus. Wirklich sehenswert, weil sie so groß sind im Gegensatz zu meinem Hintern, zu groß gar, fand mein Ex, aber der hatte ohnehin ständig was an mir auszusetzen, während der danach förmlich darauf abfuhr, auf meine Brombeeren, wie er sie nannte, und wenn ich keinen BH trage, gucken selbst Frauen hin, derart prominent stechen sie hervor.

Vielleicht sollte Moana doch etwa freizügiger sein für den Anfang und die Bluse um weitere zwei Knöpfe lockern, genauso viele Tokens werden daraufhin spendiert, null Komma nix in etwa, erst, als sie unaufgefordert die Beeren aus ihren Schalen befreit und verschmitzt um sie herumzwickt, erbarmt sich ein Tiefvioletter und lässt 20 Münzleine in ihre Kasse rollen. Das wären eineinhalb Pobacken, die er allerdings nicht mal sehen möchte, denn kaum hat sich Moana bedankt, schleicht er sich wortlos wieder.

Gleichzeitig überfluten sie Anfragen nach pm, private message, vorwiegend seitens der Mittellosen, aber mit einem Rechtsklick könnte sie Moana rauswerfen, wenn sie zu aggressiv betteln, ein durchaus nützliches Feature, auf das sie des öfteren versucht ist zurückzugreifen, käme sie nur dazu. Der Schriftverkehr mit den Bunten nimmt ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch, worüber genau sie persönlich austauschen möchten, was in aller Öffentlichkeit nicht ebenso ginge, begreift sie jedoch nicht ganz.

I’m fine, thanks, gibt sie dutzendmal ein, und schmatzende Emojis für immer die gleichen Kürzel – gdds (goddess), qt (cutie), swh (sweetheart), and of course steht sie auch auf jüngere Männer, und nein, weder hat sie Kinder noch Partner, Lovers?, einige, behauptet sie, um unersättliche Erfahrenheit vorzutäuschen, cool, wann war denn das letzte Mal?, einen Blick nach rechts oben, vor einigen Tagen, behauptet sie wieder, und wo ist sie hier eigentlich gelandet, in einer virtuellen Sexbörse oder auf einem Kaffeekränzchen für männliche Erwachsene? Alleine für sich will Moana jedenfalls keiner haben und nach über einer Stunde beträgt ihr Saldo gerade so viel, um zwar eine dreiviertel Packung Tabak davon kaufen, aber nicht rauchen zu können außer in Zeitungspapier.

Allmählich dämmert mir, woran es hapert bei Moana: a) Sie ist nicht jung; b) und schon gar nicht blond.

Und Geilheit faken schafft sie auch nicht, oder kennt wer einen Trick, um vor einem Publikum aus Gesichtslosen superfeucht zu werden?

„Du wirkst zu unentspannt“, meint der hellablaue secretagent666 in einer pm, dessen Nick sie sich merkt, weil er der einzige ist bisher, der sie getippt hat, um angeschrieben zu werden. 5 Tokens bloß, für jemanden aus der sparsamen Abteilung aber immerhin eine Erinnerung wert. „Die Jungs spüren das und nützen deine Unsicherheit aus, indem sie dich gratis in ein Gespräch verwickeln, aber solang du wie versteinert dreinschaust, bucht dich wohl niemand.“

Er muss es wissen, schließlich tritt er da selbst häufig als Camboy auf. In meiner Wahrnehmung grenzen seine Beweggründe an Perversität, denn das somit spärlich erhaltene Trinkgeld behält er nicht für sich, sondern gibt es eins-zu-eins an uns Nutten weiter. Unsere Gesellschaft könnte er sich nicht leisten ansonsten, zu niedrig der Lohn für seine hauptberuflichen Leistungen, EDV Techniker, erzählt er, als einfühlsam danach gefragt. Echt, so wenig? Ich dachte, man verdient doch ziemlich gut in eurer Branche. Schon, aber nicht in seiner Heimat Albanien, nicht mal eine eigene Wohnung kann er sich leisten und lebt daher immer noch mit seiner schwerkranken Mutter zusammen, obwohl er längst über 30 ist. Bei solchen Umständen bringt er’s im echten Leben nicht hin, analoge Frauen anzuquatschen, drum verbringt er einen Großteil seiner Freizeit mit solchen, denen es egal ist, wie dreckig es dir geht, solange du über genügend Cash verfügst, um dich von ihnen unterhalten zu lassen.

Und warum ist die Biene da?, möchte er erfahren, findet sie denn keinen normalen Job?

Und warum nicht mit der Wahrheit kommen, wenn er schon so offen über sich redet. Ich bin hier, weil ich Kohle brauche, die mit einem ‚normalen Job‘ anzuschaffen ich leider nimmer hinkriege, weil ich seit jeher über meine Zeiteinteilung selbst bestimmen will, weil ich mit Menschen schlecht umgehen kann, weil ich faul, schrullig, nutzlos, weil ich ein Penner bin.

„Mach dich nicht nieder, schöne Frau, es verdirbt deine bezaubernde Ausstrahlung“, meint er. „Weißt du, die Burschen wollen das Gefühl haben, bei einer Göttin auf ihrer Couch sitzen und sie anfassen zu dürfen, aber wie willst es ihnen vermitteln, wenn du das Arschloch raushängen lässt?“

Unwillkürlich bringt er mich zum Lachen, richtig Lachen meine ich, mit den Augen am lautesten.

„Das ist jetzt wesentlich besser,“ lobt sein Smiley. „Wirst sehen, je positiver deine Laune, desto begehrenswerter kommst du rüber, und die Anerkennung einer begehrenswerten Lady hat halt ihren Preis.“

„Ich wäre froh, wenn ich an die 40-50 Euro am Tag zusammenkratzen könnte hier drin, dann hätte ich für meinen Unterhalt gesorgt und könnte mir gar frei nehmen hie und da.“

„Du kannst bei weitem mehr machen mit dem passenden Mind-setting. Stell dir vor, von lauter Chippandales umgeben zu sein, die allesamt nur eines im Sinne haben: Dich flachlegen.

 

Ich selbst lasse meistens irgendwelche Pornos nebenbei laufen und treibe es in Gedanken mit den Darstellerinnen“, berät er mich weiter in tadellosem Englisch. „Das funktioniert ganz gut, aber leider ziehe ich hauptsächlich alte Tunten an :(“

Wieder lachen meine Augen auf. Und es wirkt scheinbar, ein venusrider in dunkelblauem Mantel trabt von Herzchen begleitet zu Moana rüber und schlägt ihr eine Runde zu zweit auf seinem Ross vor.

„Sehr gerne!“, zwitschert Milady.

„Machst du auch pws?“, fragt er in einer pm und mit ihrer Gegenfrage begeht Moana gleich den ersten groben Fehler.

„Ääääh… What is p double-u s?”

Bestens, die Alte hat null Ahnung.

Password show, liefert er als Erklärung, hä, password show? Er meint wohl private show oder was zum Geier ist das schon wieder? Diesmal aber wendet sich Moana an ihren Geheimagenten um Rat, hör zu, tippt sie hektisch ein, da schwafelt einer von password show, wtf soll das bedeuten pls? Password show sei voll okay, versichert er, sofort zusagen, relaxen und an die Chippendales denken. Der Unterschied zu privat Show ist ihm allerdings selbst schleierhaft vermutlich, denn trotz mehrmaligem Nachhacken gelingt es Moana nicht, eine brauchbare Antwort darauf zu erhalten.

„Gehen wir?“, drängt inzwischen der Prasser und beschreibt ihr geduldig welche Schritte sie dafür durchführen muss. Persönliche Einstellungen, runterscrollen zur Option »Passwort benötigt, damit andere deine Cam sehen können«, beliebiges Passwort rein, speichern, done.

Nun sind sie allein, die Biene und ihr venusrider.

Ein dutzendmal mindestens frische ich die Seite auf, doch das Ergebnis ändert sich nicht: 372 Tokens, das Äquivalente verdiene ich in 1 ½ Stunden als Putzfrau, aber in Gesellschaft meiner Sweethearts habe ich ja mehrere verbracht, von 15 Uhr ungefähr bis jetzt 8 am Abend.

 

Möglicherweise werden privat sessions anders abgerechnet und der Betrag im Nachhinein gutgeschrieben, reime ich mir zusammen, obwohl ich keinen logischen Grund für solch umständliche Vorgehensweise erkennen kann.

Morgen ist die Kohle mit Sicherheit da, andernfalls wende ich mich an den Support und hoffentlich klären wir das Missverständnis ruckzuck.

Ansonsten geht’s mir psychisch bei weitem nicht so schlimm wie ursprünglich befürchtet. Während  meiner Knechtschaft im Büro fühlte ich mich eher wie eine Hure, denn wie soll ich wen bezeichnen, der den Großteil seiner Zeit für andere anschafft und selbst am wenigsten davon bekommt? Und die Wichser waren durchaus nett im Großen und Ganzen, es hat mich keiner wie eine Nutte behandelt, ich wäre froh gewesen damals, hätten mir meine ehemaligen Klienten annähernd so viel Respekt entgegengebracht.

An und für sich eine reibungslose Geburt also. Zeit fürs Bettchen nun, meine arme ausgelaugte, neugeborene Moana, heute Nacht wird der Nachklang deiner Kryptomünzen dich sanft klimpernd in den Schlaf wiegen.

 

Teil 4.: „Der einsame Frührentner und der blöde Sadist.“

 

Lawrence heißt er in Wirklichkeit, verrät er gleich, worauf Moana wohlerzogen, wie sie von Fr. Dr. wurde, gleich selbst ihren wahren Namen preisgibt.

Eilig hat er’s nicht offenbar, er plappert viel, ehe ans Eingemachte geht. Soll mir recht sein, je länger unser Date, desto mehr Zaster. Dass er aus London kommt, teilt er unter anderem in Chat mit, und nie in meine Stadt war, aber einen Ausflug hierher einplanen möchte, um mich zu besuchen demnächst. Ich hab dich doch gar nicht eingeladen, du Trottel, denke ich und lächle trotzdem weiter vor mich hin, zuerst freundlich wie eine Wirtin in einem gottverlassenen Gasthaus und dann paff, als er meint, eine Fernbeziehung mit mir eingehen zu wollen.

„Eine Fern… beziehung??“, wiederhole ich ungläubig und bemühe mich, nicht allzu angewidert dreinzublicken.

„Ja, du entsprichst nämlich genau meinem Frauentyp und ich könnte mir vorstellen, dass wir super auskommen miteinander. Vorausgesetzt, dich stört es nicht, dass ich nur 23 bin.“

Mich stören ganz andere Dinge, Sweetheart, das Bild, das ich im Kopf von dir habe, zuallererst. Von wegen Chippandale, fett, pickelig, hässlich, ungepflegt hockst du da mit deinem steifen Pimmel und schleimst dich bei Muschis ein, an die du nie herankommen würdest ohne Cash, davon abgesehen will ich keine Beziehung, weder fern noch nah und schon gar nicht mit einem Wichser, der mein Sohn sein könnte.

„Ich könnte jedes Wochenende zu dir hinfliegen und du zeigst mir deine Stadt zwischendurch“, fährt er unbeirrt fort, als hätte ich bereits zugesagt. „Mein bester Freund war letztes Jahr dort und fand’s voll geil, daraufhin habe ich mir vorgenommen, selbst da Urlaub zu machen irgendwann.“

Sonst noch was? Sex, Unterkunft, Sightseeing – alles gratis selbstredend. Aber ich nicke miteinverstanden, wie man eben nickt, wenn man gerade offensichtlich verarscht wird und trotzdem ein Geschäft abschließen möchte. Nun, dass wir offiziell in einer Beziehung sind, darf er mich auch entjungfern, zieh deine Kleider aus, honey, ersucht er und fürs erste Mal vor laufender Cam lege ich einen Striptease ein. Die Bluse zuerst, Knopf für Knopf mache ich sie auf mit diesem stupiden, zerknitterten Grinsen, das für den Rest meiner Performance die volle Spannkraft meiner Lippen abverlangen wird, dann Gürtel, Minirock, Schuhe, langsam wie ein Faultier und in etwa gleich geschmeidig, damit zumindest ein großes Glas Nutella preislich drin ist danach. Als ich mich nur mehr in Strümpfen und Mieder auf dem Bildschirm betrachte, fällt mir plötzlich Großmutter ein. Schau, was aus dir geworden ist, eine Hure!, höre ich sie aus ihrem Grab vorwerfen, du bringst schon wieder Schande über unsere Familie, schämst du dich denn nicht? Neee, eigentlich nicht, keinerlei Schamgefühle empfinde ich, als ich sie im kleinen Rechteck links oben beobachte, diese Moana nackt und seufzend mit der blauen Nixe tief in ihrer Muschi. Ein Camgirl mehr unter Abertausenden, das zufällig mein Gesicht trägt, auf meiner Couch liegt, mit meiner Stimme stöhnt und nicht vernünftig genug war, um sich einen Ehemann auszusuchen, der sie lebenslang erhält, liebe Oma, und nun wann kommt er denn endlich, unser guter Lawrence? Ich besorge es mir oft selber vor meinen Lovers, wenn ich welche habe, um uns gegenseitig aufzugeilen, aber allmählich fängt es an zu brennen da unten, derart trocken bleibe ich die ganze Zeit. Immerhin habe ich’s leichter als meine männlichen Kollegen, die armen Schweine, wie schaffen sie das bloß, über Stunden hinweg mit einer Latte auszuharren?

 

Trotzdem zucke ich fleißig dahin unter lauter ooo-oooooooh aaa-aaaaaah und you make me so horny! Yeaaah me too bb, schreibt eine seiner Hände zwischendurch, ur so fucking hot, und ich schließe die Augen, damit mir wenigstens mein eigener fucking Anblick erspart bleibt, und mache brav weiter und winde mich und fass mich an die Titten und komme angeblich mehrmals, bis ein GIF mit einer frisch geöffneten, sprudelnden Champagnerflasche seinen Orgasmus ankündigt. Jööö, bildliches Feedback, das finde ich schon nett, zumindest weiß ich, was dahinten passiert und muss nicht raten. Jetzt hat er wohl abgespritzt, der Junge, sein Zipfel wird schrumpfen und dadurch der Wunsch nach einer Fernbeziehung hoffentlich, aber nein, er habe es doch ernst gemeint vorhin, nach diesem geilen Date sei es noch stärker geworden, bb solle darüber nachdenken und ihm bescheid sagen das nächste Mal, falls sie ebenso empfindet.

Das fasse ich ungefähr auf wie das übliche wir-müssen-unbedingt-bald-auf-einen-Kaffee zwischen Bekannten, die sich durch Zufall begegnen und mit dieser Floskel ein Gespräch beenden, das keiner ernsthaft fortführen möchte in Wahrheit.

„Sure, I enjoyed it a lot, sweetheart“, schmiert die Biene ihrem potentiellen Stammkunden somit Honig ums Maul, heiraten könnte sie ihn gar, beim zweiten gemeinsamen Kaffee eventuell oder so, und gerne lässt sie sich auch scheiden beim dritten, wenn er ihr weiterhin Unterhalt zahlt, an die 4000 Tokens so wie heute für ein Versöhnungsstündchen wären mal nicht schlecht.

Mehr zufrieden als befriedigt nehme ich Abschied von meinem künftigen Ex-Gatten und gönne mir anschließend Feierabend.

Ich bin müde, aber arm nimmer, wenn ich so weiter tue, ein Viertel der Miete fast sollte jedenfalls drin sein und das an einem einzigen Abend! Und warum sehe ich den Betrag nicht, als ich meinen Saldo abrufe? Mickrige 372 Münzleine hatte ich vor meiner Einzelsession und mickrige 372 Münzleine sind jetzt drauf, habe ich mich denn verrechnet? Nein, laut Rechner kann das nicht sein, 54 Minuten à je 60 Token ergibt genau 162 US$ bzw. 150 € circa, super, aber wo bleiben die?

Credit

Traumhafte Schönheit: Moana Bee

Lektorat Ada Delsolco