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Interview / Maielin van Eilum

UTIYA Magazine

Lieber Frank Zauritz, Du fotografierst die berühmtesten Menschen der Welt, als Kriegsreporter wurde auf Dich geschossen, in Nordkorea Dein Hotelzimmer videoüberwacht. Macht Dir Dein Beruf keine Angst?

 

FRANK ZAURITZ

Ich habe verschiedene Ängste, vor jedem Job Lampenfieber und egal, wie erfolgreich ich bin, immer wieder Existenzängste. Wenn Jobs ausbleiben, denke ich, ich bin der schlechteste Fotograf der Welt, keiner mag meine Arbeit und niemand ruft mich an.

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Aber wenn ich aktiv bin, kenne ich keine Angst.  Mein Vater war Künstler, wenn wir zusammen malten und ich vor dem riesigen, leeren, weißen Blatt ins Stocken geriet, sagte er immer: „Fang einfach an, alles ist richtig, du kannst hier keine Fehler machen.“

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Sind Stars manchmal kompliziert?

Wir kamen mal in einen großen Konferenzraum, da rannte ein extrem wütender Jack Nicholson auf uns zu “No, no, no pictures!" Er schob uns aus dem Raum und stand aufgelöst im Korridor vor uns. Er zündete sich eine Zigarette an und aschte in einen Regenschirmständer. Den klemmte er sich unter den Arm und benutzte ihn weiter als Aschenbecher.

 

Er schaute mir in die Augen: "Wie war ich?“

 

Auf einmal war er ganz herzlich und warm, öffnete uns höflich die Tür. Nur wir hatten einen Adrenalinschock.

Nachdem wir mit dem Interview fertig waren, benahm er sich wie ein kleines Kind. "Everything was nice and easy, or? Or? Or?" Wir hätten uns am liebsten mit ihm an die Bar gesetzt.

Einmal flog ich für sechs Stunden nach Dallas. 16 Uhr Landung, 18.00 Uhr Interview mit KISS, 22.00 Uhr geplanter Rückflug.

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Gene Simmons fragte, wie uns das gestrige Konzert gefallen hätte. „Da waren wir noch in Europa.“ „Dann kommt doch mit uns mit.“ Wir riefen unseren Chefredakteur an, stornierten den Rückflug und begleiteten KISS in deren Privatjet auf ihrer US Tournee.

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Angela Merkel schaut immer sanft in Deine Kamera, man könnte fast sagen verliebt.

Ich habe sie schon öfter fotografiert und wahrgenommen, was für ein Mensch sie ist. Sie ist wahnsinnig schüchtern. In der Sache ist sie natürlich nachhaltig und zupackend, ein Machtmensch. Aber mit ihrer Persönlichkeit zurückhaltend.

 

So wie ich mich verhalte, als Mensch agiere, so werden auch die Fotos. Ich kann nur fotografieren, was ich bin, was ich in mir habe. Letztlich fotografiert man in einen gigantischen Spiegel hinein.

 

Da war Cher schon siebzig, aber sie bewegte sich wie eine Fünfundzwanzigjährige. Sie ist eine unglaublich attraktive Frau, das hat mit ihren Operationen gar nichts zu tun. Leider war das ein ziemlich enger Doppeltermin mit Christina Aguilera.

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Ich hätte gerne noch mehr Fotos von Cher gemacht.

 

Wie viel Zeit bekommst Du für ein Foto?

 

Bei US Stars? Häufig nur eine Minute.

Was ich tue, ist quasi, wie ohne Fallschirm aus einem Flugzeug springen und trotzdem lebendig landen. Ich stehe vor einer Hoteltür, der Journalist hat 14 Minuten für sein Interview und ich 60 Sekunden für mein Foto.

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Bei Tom Cruise wollte mich dessen Management physisch davon abhalten, ein zusätzliches Foto von ihm zu machen. Aber ich stand direkt neben ihm und sah das Fensterlicht. Er sagte ja, ich hätte ihn das gar nicht fragen dürfen. Ich rief meinem Assistenten Wolfgang zu: "Mach das Licht aus!", was in so einem Konferenzraum gar nicht so leicht ist.

 

Sein Management versuchte, dazwischen zu gehen, aber Wolfgang ist zwei Meter groß, wiegt an die 135 Kilo und er schnitt ihnen den Weg ab. Ich hatte 25 Sekunden, das erste Bild war unscharf und dann sage ich, er soll ganz leer schauen, in diese Richtung. Das Bild war scharf.

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Das dritte Bild war wieder leicht unscharf und dann standen seine Leute schon vor mir: "Das war so nicht ausgemacht!" Aber ich hatte mein Bild, ein ernstes, ganz offenes available light-portrait von Tom Cruise.

 

Für mich ist ein gutes Foto etwas Archaisches. So wie ein ausgehungertes Rudel Löwen auf ein Gnu springt, agiere ich, wenn ich ein gutes Bild sehe.

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Motivation ist noch wichtiger als Talent. Bei einem Gipfel in Baden Baden wartete ich vier Stunden. Sie gaben mir eine Minute für ein Merkel / Obama Bild. Ich ging ins Risiko, setzte 40 Sekunden dafür ein und 20 Sekunden, um mein Bild von Barack Obama zu machen.

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Ich wußte nicht, ob ich je wieder diese Chance erhalte und hatte wieder nur drei Auslösungen.

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Ich mag dieses Bild, er sieht so aus wie die Menschen auf Dollarscheinen, das hätte er verdient.

 

Ich habe mal mit Nora, der intelligentesten, kleinsten und unscheinbarsten Assistentin, zwei Tage im Wald nach einer Stelle gesucht. Da bauten wir ein 45 Quadratmeter Studio aus Stoff an einem Seerand. Zum Shooting kam ein riesiges Polizeiaufgebot und Angela Merkel mit ihrer ganzen Entourage.

 

Ich machte den Vorhang zu unserem Raum auf: „Hallo Frau Doktor Merkel, bitte kommen Sie rein.“ Sie ging unter meinem Arm durch, die anderen wollten ihr folgen, aber ich sagte: „Einen Moment bitte“ und zog den Vorhang zu.

Da standen wir nun, Merkel, die zarte Nora und ich. Genau an der Stelle, wo Merkel als kleines Mädchen schwimmen gelernt hat. Und kein Mann außer mir glotzte Merkel an, sie war so dankbar.

„Herr Zauritz, was haben Sie sich denn diesmal für mich ausgedacht?“ „Ich möchte, dass Sie auf diesem Holzkästchen sitzen.“ „Also, wieso soll ich denn sitzen?“ „Weil ich die Achse brechen möchte. Ich möchte ein Bild im Stil der deutschen Romantik. Ein Porträt mit Landschaft. Und wenn Sie nur da stehen, passen Sie nun mal nicht zu meinem Bild.“ „Okay, ja das verstehe ich.“

Ich habe mit ihr ein paarmal geatmet, sie schloss ihre Augen. KLICK!

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„Das nehmen wir aber nicht“, sagte sie. Es ist heute mein Lieblingsbild von ihr.

 

Ist es Dir je passiert, dass sich Menschen im Nachhinein beschwert haben?

 

Ja (lacht). Ich habe mal eine LKW-Ladung ausgestopfter Tiere in den Berliner Tiergarten schaffen lassen, Windmaschine, Laub… um Heino in einem völlig überzogenen deutschen Set zu fotografieren.

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Später im Hotel machte ich noch ein hartes Schwarz-Weiß-Foto im seitlichen Fensterlicht. Ich zeigte es ihm auf meiner Kamera, er war einverstanden, ich gab es mit ab.

 

Der Chefredakteur, Walter Mayer, hatte es über die Doppelseite gezogen und am Sonntagmorgen denke ich: „Oh geil!“, da klingelte schon mein Telefon, Heinos Ehefrau Hannelore: „Was fällt Dir ein! Da machen wir so viele schöne Bilder und jetzt dieses!“, und sie weint und weint und weint. Und ich so: „Oh Gott, oh Gott.“

Und dann hat sie sieben Mal angerufen: „Du bist ein gemeiner Mensch! So etwas Gemeines! Wir arbeiten nie wieder mit Dir! Nie mehr!“

Abends beim letzten Anruf: „Also, mein Mann findet es ja auch gut, aber ich ... ich ... ich finde es schrecklich!“

 

Letztes Jahr hatten wir wieder einen Termin. Sie konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, Heino hingegen durchaus: „Mir hat es gefallen, ich habe mich wie Johnny Cash gefühlt.“

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Ich finde das Bild auch toll. Dafür habe ich praktisch einen Sonntag lang Hass abbekommen. Ich denke, sie wollte ihren alt gewordenen Mann so nicht sehen.

 

Und wie war Leni Riefenstahl?

Verrückt! Sie erzählte mir, dass sie gerade mit ihrer Bank über einen Kredit verhandelt. Um neue Fotokunst zu machen und für ihr Archiv. Das Interview war zu ihrem hundertsten Geburtstag.

Sie wurde 101, ein Jahr Zeit.

Positiver kann ein Mensch nicht denken. Natürlich war es toll, einen Menschen der Zeitgeschichte zu treffen. In diesem Fall ein zweischneidiges Schwert. Sie strahlt auf meinem Foto, aber ich vergaß nicht, welche Leichen sie im Keller hat.

 

War sie sympathisch?

Das ist ja das Schlimme an diesen Leuten, dass sie sympathisch sind! Als ich Helmut Kohl das erste Mal fotografierte, dachte ich: „Oh Gott, ich fasse es nicht, wie geht denn das, was für ein lustiger Typ.“ Der machte einen Witz nach dem anderen, war authentisch und klasse (Frank Zauritz sinkt in sich zusammen).

 

So hat der Politik gemacht, da braucht man Verbündete, er hatte die Fähigkeit Menschen einzubinden, verbindlich zu sein. Das war auch sein Problem, denn so amüsant durfte er als Bundeskanzler im Fernsehen nicht sein. Deshalb hatte er keine mediale Wirkung, die haben nur Menschen, die vor Kameras eins zu eins sie selbst sind.

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In vielen Religionen glaubt man, ein Fotograf stiehlt die Seele eines Menschen, empfindest Du das auch so?

Das stimmt, die Frage ist nur, nimmt man die Seele und packt sie in den Himmel oder in die Hölle? Das ist genau, wo die Probleme anfangen. Stehst du auf der guten Seite und hast eine saubere Motivation, oder ist dir das Böse egal? Manipulierst du oder handelst du sauber?

 

Wenn ich mit Menschen und ihren Fotos nicht respektvoll umgehe, stehle ich eine Seele auf jeden Fall: Meine eigene.

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Deine erste Kamera kauftest Du Dir mit achtzehn von einem 1.555 D-Mark Lottogewinn und hieltest Dich als Kindergarten-Fotograf über Wasser. Wann stelltest Du fest, dass Du Talent hast?

Talent ist, wenn man sich quält und das gar nicht bemerkt.

 

Vielen Dank für das Interview. Demnächst würden wir gerne wissen, wie man als Kriegsfotograf Kugeln ausweicht und wo man abends in der Hauptstadt Nordkoreas am besten essen geht.

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Fotograf Frank Zauritz

Autorin Maielin van Eilum

Credits

Lektorat Ada Delsolco und Marie Nürnberg

Frank Zauritz

Porträt und Reportage Fotograf

www.frankzauritz.de

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DIE NORDKOREA REISE

Frank Zauritz bereiste fünf Tage die Demokratische Volksrepublik Korea. Anders als seine Arbeitsweise unter normalen Bedingungen sieht er sich durch die strengen Auflagen und Verbote herausgefordert wie ein Kind die ihm vorgeführte Propaganda zu unterlaufen. So findet er neben und in der vorgegaukelten Künstlichkeit Bilder die Fragen aufwerfen. Das von Indoktrination und Manipulation geprägte Regime bleibt glaubwürdige, der Wirklichkeit der Menschen im Land, entsprechende Antworten schuldig. Es gab Momente auf dieser Reise, in denen der trübe Schleier der Propaganda plötzlich klar wurde und das Leben durchschien. Ein Land der Rätsel und Absonderlichkeiten, skurril und manchmal einfach schön. 

Eine Reise in die Demokratische Volksrepublik Korea.

116 pages, 100 color photos.

Available in two versions :Paperback Photobook in 18×18 cm

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TIMMERBERGS TIERLEBEN

 

von Helge Timmerberg und Frank Zauritz , Heinz Sielmann Vorwort,

‘Bis heute hat (Alligator) Eugen noch keinen Besucher gefressen. Keinen, von dem man weiß. Denn was er kriegt, verschlingt er nicht nur mit Haut und Haaren, sondern zur Not auch mit Personalausweis.’

Doch keine Angst vor wilden Tieren. Helge Timmerberg ist für uns furchtlos durch die Zoos gezogen und hat sie alle besucht: Eisbär Lars, Hornfisch Heinz oder Walross Antje.

Mit großer Sympathie für die Tiere entdeckt Timmerberg bei ihnen menschliche Züge. Er beschreibt ihre unterschiedlichen Liebes- und Jagdtechniken, die verblüffen, erschauern lassen aber immer wieder auch für äußerste Heiterkeit sorgen.

Illustriert mit über 50 Farbfotografien von Frank Zauritz, die ungewohnte, ja auch skurrile Seiten der Tiere herausstellen, ist ein Buch entstanden, das nicht nur zum Schmunzeln verleitet, sondern bei dem man auch etwas lernen kann.

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