Mit 17 hieß meine Unterkunft in Amsterdam Vondelpark und das Bett, von meinesgleichen auch Schlafsack genannt, hatte ich selbst mitgebracht.

 

Dabei blieb‘s ein paar Jahre lang, aber als das Erwachsenwerden begann, besetzte ich Häuser und schlief da. Bedauerlicherweise beschränkte sich dort der Roomservice auf Drogen und Filzläuse. Deshalb kam ich dann irgendwann nur noch als Spesenritter nach Amsterdam. Der Griff nach den Sternen. Ein, zwei, drei und vier leistete ich mir, aber fünf nie. Seit 48 Jahren kannte ich also das Grand Hotel Krasnapolsky nur von außen.

 

Und  war jetzt endlich drin. Der große irische Dichter Oscar Wilde hat eine Unzahl unsterblicher Sätze hinterlassen. Einer davon passt nun ganz gut: „Wenn Gott einen Menschen bestrafen will, erhöhrt er seine Gebete“. 

Ich übertreibe, denn weder kann ich mich daran erinnern, jemals ein 5 – Sterne- Hotel auf meinen Wunschzettel ans Universum gesetzt zu haben, noch fühlte ich mich bestraft. Nur verarscht.

Der weiße Marmorboden in der Lobby und  den Fluren erstreckte sich bis zum Horizont und etwa auf der Hälfte des Weges sollten wir rechts abbiegen, hatte man uns an der Rezeption gesagt. Okay, einen Wegeplan durfte ich mir dafür auch ansehen. Aber wo sind wir hier? In einer Jugendherberge? Oder der U-Bahn von Tokio?  Das gibt schon mal einen Stern Abzug. Ohne einen ortskundigen Hotelmitarbeiter (früher „Page“) erreichten wir durch die falsche Glastür eine Art Hinterhof, und fuhren mit dem falschen Aufzug  in ein Designer Labyrinth, um nach der Tür mit unserer Zimmernummer zu suchen. 

 

Als wir sie schließlich fanden , funktionierte die Schlüsselkarte nicht. Und, „rumms“,  fiel wieder  mit lauten Knall ein Stern zu Boden.

Der Weg zur Rezeption zurück , wurde jäh von der Glastür gestoppt, durch die wir vorhin (besser: neulich ) die Marmor durchflutete Lobby  verlassen durften. Für die umgekehrte Richtung öffnete sie sich nicht. Gestrandet in einem nunmehr nur noch 2 Sterne Hinterhof? Aber immerhin, jetzt konnten wir rauchen. Nach etwa einer Zigarettenlänge befreiten uns andere Hotelgäste. Wieder kühlte der weiße Marmorboden unsere Sohlen. An der Rezeption checkte man die Schlüsselkarte, und gab uns für den zweiten Anlauf eine junge Holländerin mit, aber keine

Fahrräder. Irgendwann  fand sie heraus, dass wir grundsätzlich in einem  falschen Flügel des Traditionshauses unterwegs waren. Manchmal steckt der Teufel nicht im Detail, sondern im Grand und Ganzen, würde Oscar Wilde dazu sagen. Ich dagegen war sprachlos. Ein drittes Mal stand ich in diesem Hinterhof und schaute zum Himmel hoch. Er war bewölkt, also so sternenlos wie das Grand Hotel Krasnapolsky , das bereits  alle Fünf  verloren hatte, noch bevor wir in unsere Zimmer kamen.  Zum Glück stimmte die Lage. Vor uns der Dam, hinter uns das Rotlichtviertel. 

Die Huren und das Haschisch sind vom Krasnapolsky zu Fuß in nur fünf Minuten zu erreichen. Für beide Touristenattraktionen interessierte sich vor allem meine Freundin. Sie hatte noch nie lebende Schaufensterpuppen gesehen und noch nie einen Coffeeshop betreten, in dem man zwar Joints rauchen darf, aber Zigaretten strengstens verboten sind.

 

Nachdem sie sich aklimatisiert hatte, gingen wir zurück zum Hotel. Der Eingang wurde von zwei Glastüren versperrt. Die erste öffnete sich mit unserer Zimmerkarte. Die zweite nicht. Und dann öffnete sich die erste auch nicht mehr. Stoned in einer 5-Sterne – Falle aus bruchsicherem Glas beendeten wir den Abend, und so viel besser, als stoned damals im Vondelpark fand ich das auch nicht.

Credits

Lektorat Ada Delsolco

Foto von Helge Frank Zauritz

Foto / Fjuan Federico Bartelsman

Marmor / Prairat Fhunta 

Hippies im Vondelpark / Fotograaf: Onbekend Bert Verhoeff / Anefo / Nationaal Archief / Commons Wikimedia

Monument op de Dam 1973 / Fotograf: Bert Verhoeff / Anefo / Nationaal Archief Materiaalsoort / Commons Wikimedia

Wintertuin / NH Collection Grand Hotel Krasnapolsky /Wikimedia Commons

The Wintertuin / JvhertumWikimedia Commons

Red Light District / Thijs PaanakkerNon-physical cheat / Wikimedia Commons

​Zuerst erschienen im deutschen Wirtschaftsmagazin "Bilanz" (Gott hab es selig)

Author Helge Timmerberg

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