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Sie ist klug, aber leider auch schön.

 

Sie hat den Dr. in Philosophie, und kein Geld.

 

Eine Akademikerin beschreibt, wohin das führt.

 

Zum Beispiel in ein Buch. Es ist noch nicht fertig.

 

UTIYA veröffentlicht exklusiv ein bisschen

von dem Unvollendeten.

von Moana Bee

Wie, in Teufels Namen, sollte es ein Mensch denn genießen, um 6:30 von einem Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden, aus dem Bett springen, sich anziehen, Essen runterwürgen, Zähne putzen, kacken, pinkeln, Haare kämmen und sich dann durch ein Verkehrschaos zu einem Ort hindurchzukämpfen, wo er eine Menge Zaster für wen anderen macht und dann auch noch dankbar für die Gelegenheit sein, eben dies tun zu dürfen?

Charles Bukowski - Factotum

Dieselbe Frage stellte sich mir vor einigen Jahren und da ich keine befriedigende Antwort darauf fand, reichte ich daraufhin meine Kündigung ein. Seitdem schlage ich mich irgendwie mit Putzen und anderen niederen Tätigkeiten durch, die sich gelegentlich ergeben und das löst nahezu täglich panische Existenzängste aus, aber eher gehe ich auf den Strich, als je wieder einen Fuß ins Büro zu setzen.

Ich decke meinen alten Freund Johann  mit einem Plaid zu, rolle mich zusammen, kuschle eng mit dem Rücken. An die hundert Kilo schweres, beschützendes Muskelfleisch.

„Bei deinem Auftritt wärest du ohne weiteres ein guter Zuhälter“, sage ich, als er seinen mächtigen Unterarm um meine Taille schlingt.

„Zuhälter? Wie kommst auf die Idee?“

„Prostitution wäre mein letzter Ausweg, falls alle Stricke reißen. Ich hatte es mir sogar ernsthaft überlegt damals nach dem Studium, als ich nirgends einen Job fand.“

„Und warum hast es nicht getan?“

„Aus Ekel hauptsächlich, aber moralisch hätte ich keine Einwände dagegen gehabt.“

„Dann hat sich das geändert, nehme ich mal an, du würdest es nicht in Erwähnung ziehen ansonsten.“

„Was soll sich daran geändert haben, ich bin nach wie vor krankhaft wählerisch in punkto Männer. Wenn man für eine Callgirl-Agentur arbeitet, könnte das eventuell ein Problem werden auf Dauer, aber hast du Vorschläge, wie ich ansonsten zu Geld kommen soll?“

Er streicht grübelnd durch seinen melierten, gepflegten Vollbart, bis ihn eine Eingebung unvermittelt aus dem Schweigen reißt.

„Warum versuchst du dich denn nicht als Camgirl, wenn du schon offen für Sexarbeit bist?“

„Hä? Als was?“

„Als Webhure so quasi. Dafür gibt es zahllose Portale im Internet, ich bin unlängst zufällig drauf gestoßen.“ Soso. Zufällig. „Das Prinzip ist ganz einfach, du registrierst dich auf einer dieser Plattformen, erstellst ein anziehendes Profil und köderst dann mit deinen Reizen irgendwelche Wichser vor der Kamera.“

 „Wie und was bekomme ich dafür?“

„Verhandelt wird mit Tokens, das ist eine Kryptowährung ähnlich wie Bitcoins. Du legst irgendeine Belohnung fest, was weiß ich, deine Brüste zeigen zum Beispiel, und verlangst dafür eine bestimmte Summe. Soweit ich mitgekriegt habe, wird sie dir auf ein eigenes Konto übertragen in dem Moment, wenn du die Tipps erhältst. Im Grunde funktioniert es also wie eine Peepshow, aber anstatt für vereinzelte Saftsäcke in einer Kabine auftreten, tust du‘s bequem bei dir zu Hause vor weltweiter Audience.“

Ich versuche es mir auszumalen und fühle mich dabei wie in einem meiner stets wiederkehrenden Alpträume, in denen ich durch die Menge laufe und zu meiner Beschämung plötzlich feststelle, dass ich völlig nackt bin.

„Hör mal, Alter, spinnst du? Ist dir nicht bewusst, welche Folgen das haben könnte, sollte in meinem Umfeld wer draufkommen? Solche Dinge sprechen sich schnell herum und wenn Porno-Mitschnitte von mir im Netz auftauchen, kann ich mich nie wieder für einen normalen Job bewerben.“

Nicht, dass ich das vor hätte an sich, aber man weiß ja nie.

„Das sehe ich schon ein, gegen solche blöde Zufälle kann man sich aber durch Geoblocking schützen.“

„Du meinst, man kann Länder beliebig ausschließen?“

„Richtig. Mit ein paar simplen Tricks kann man das wiederum umgehen, aber dass irgendeiner deiner Bekannten dadurch ausgerechnet dich entdeckt unter zigtausenden Broadcastern ist ziemlich unwahrscheinlich. Und selbst wenn, wer erzählt denn sowas weiter?“

„Kein schlechtes Argument eigentlich, Selbstfriedigung ist normalerweise nichts, worüber man offen redet. Apropos, hast du schon diesen Witz gehört? Hat mir mal ein Gast aus den USA erzählt: Trump wählen ist wie Wichsen -  jeder tut’s, aber keiner gibt es zu.“

Er lacht so, wie man lacht, wenn man einen Witz gehört hat, der genauso traurig ist wie die Realität.

„An deiner Stelle würde ich’s mir zumindest durch den Kopf gehen lassen“, sagt er dann. „Es ist easy money und die nötigen Voraussetzungen erfüllst du ohne weiteres. Du bist erstaunlich gut erhalten für dein Alter, hast eine geile Figur, ein hübsches Gesicht… Aus dir könnte eine begehrte MILF werden, drauf traue ich mich wetten.“

Sonderlich geschmeichelt fühle ich mich nicht dadurch. Gibt es denn gar keine Skills, für die ich belohnt werden könnte, außer der Kategorie von kinderlosen Mamis anzugehören, die man gern flachlegen möchte?

„Verlockend wäre das schon, trotzdem reiß ich mich nicht unbedingt drum, knapp bekleidet vor einer Webcam rumzuzappeln.“

„Musst du auch nicht, im Gegenteil. Sofern ich beobachtet habe, sind gerade die Mädels, die wenig von sich zeigen am Erfolgreichsten. Der Trick besteht im Wesentlichen drin, durch dirty talking und Necken deine Kunden dazuzubringen, dich für eine Einzelsession zu buchen.“

„Einzelsession?“

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„Jop. Privatshow nennt sich das. Du wirst von irgendeinem Spanner auf Zeit ‚geliehen‘ sozusagen, damit er sich alleine mit dir einen runterholen kann. Dann bist du zwar vorübergehend weg von potentiellen Tippern, aber als Gegenleistung bekommst du von ihm einen gewissen Betrag im Minutentakt überwiesen. Dadurch machst du garantiert Gewinn und wenn du geschickt bist, zögerst du seinen Höhepunkt solange wie möglich hinaus.“

„Dafür, dass du rein zufällig auf diese Seiten gestoßen bist, kennst du dich ziemlich gut aus damit.“

„Du, nah, wirklich, ich schaue nur gelegentlich rein, weil’s mich einfach interessiert.“

„Und was genau interessiert dich dran?“

„Naja, es ist faszinierend irgendwie, welche unfassbaren Geldmengen hier bewegt werden, die Technologie dahinter vor allem,“ entgegnet der Diplom Ingenieur. „Mittels Bluetooth-Fernsteuerung kannst du ein Sextoy in einer Muschi auf Hawaii entgeltlich von Oslo aus vibrieren lassen und solche Späße.“

Unvorstellbar für diese hausbackene MILF, meine einzigen Kenntnisse im Umgang mit Errungenschaften auf dem Gebiet der angewandten Libido beschränken sich schließlich auf einen batteriebetriebenen, wasserfesten Vibrator und dessen zwei manuelle Stellvertreter, ein stinknormales Dildo aus steifem Latex von bescheidenerem Umfang und sein fleischfarbener, riesengroßer Bruder mit seinen zwei stattlichen Eicheln an den beiden 50 cm voneinander entfernten Enden. Entsprechend ratlos schaue ich drein, während Johann des Weiteren aufzählt: Apps, welche die interaktive Gestaltung von naughty games simultan ermöglichen, high-perfomance Geräte für die Stimulierung der Klit, mit deren Getriebe allein man einen Kübel voller Beton aufmischen könnte und lauter ähnliche Werkzeuge, die mich wie eine rückständige Rentnerin fühlen lassen in meiner Unwissenheit.

„Am Gescheitesten ist, wir wechseln zum PC rüber und du machst dir selbst ein Bild von dem, was da alles vorgeht.“

Gähnend hebt er sich vom Sofa und schlurft zu seinem mit Papierstapeln, Ordnern und Essensresten überladenen Schreibtisch. Den staubigen Bildschirm kacheln nun reihenweise Thumbnails mit äußerst explizitem Inhalt von Darstellern, die sich einzeln, zu zweit, zu dritt oder in Grüppchen gar durchaus abwechslungsreich unterhalten. Heteros, Schwule, Lesben, Zwitter, Oma und Opas,  Daddies, Mamis, Onkeln, Tanten, Kusinen und Cousins, Punks, Dominas, Subs, Schwangere, Nonnen, Krankenschwester, Gelbe, Braune, Weiße, Schwarze, Albinos, Dicke und Dünne, Schöne und Hässliche, und ganzkörper-Gepiercte und Tätowierte, und Füße, immer wieder lackierte, schmutzige, unappetitliche Füße, und Schwänze selbstverständlich, in jeder erdenklichen Größe, sowohl in den jeweiligen Händen als auch in allen verfügbaren Öffnungen, und Möpse noch mehr, runde, flache, hängende, pralle - dicht an dicht drängen sich diese nahrungsspendenden Organe auf, um jeglichen Wunsch zu stillen, und allgegenwärtig ultrascharfe Nahaufnahmen von triefenden Muschis - buschig, teils oder gänzlich rasiert. Aus einigen hängt ein neonpinkes Gummischwänzchen heraus, ich zeige hin und blicke meinen Kumpel fragend an.

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„Das ist der Sensor vom Lovense, dem Spielzeug, von dem ich erzählt habe“, erläutert er. „Er ist gekoppelt an die Fernbedienung, dadurch werden Intensität sowie Dauer der Impulse gesteuert.“

Die einigermaßen glaubwürdigen Zuckungen unterstreicht einigermaßen glaubwürdiges Gestöhne, dessen Lautstärke ab- bzw. zunimmt je nach Höhe der eintreffenden Tipps. Wie bei einer Versteigerung, an der um weibliche Genitalien gefeilscht wird, als hätte mein Geschlecht keinen jahrhundertelangen Kampf für die Befreiung aus unserer Rolle des gebärfähigen, willenlosen, zweitrangigen Objekts hinter sich.

„Wääääh! Könnten wir Chatroom wechseln bitte.“

Ohne bestimmten Kriterien zu folgen, hüpfen wir als nächstes aufs Bett einer bildhübschen Brünetten in schicker Unterwäsche wie aus einer Werbung von Victoria’s Secret. Ein Leckerbissen in jeder Hinsicht mit ihren sinnlichen Zügen, den schlanken, langen Beinen als Zugabe zu rattenscharfen Kurven und oben drauf ein unsterblicher Schlafzimmerblick, der entfernt an jenen von Divas mit dem Format einer Hedy Lamarr erinnert. Mit ähnlichem IQ scheint sie allerdings leider nicht begnadet zu sein, unsere neue Zuckinella, derart hohl und kindlich haucht ihr Stimmchen, wann immer sie sich für die Großzügigkeit ihrer Anhänger bedankt. Oh! Oh! Thank you!, quietscht sie zweifellos von aufrichtiger Wertschätzung bewegt und schaudert weiter samt Sextoy fremdbestimmt vor sich hin.

„Und? Was denkst du über Webcamming?“, fragt Johann, während er mir beim Abschied vorbildlich den Mantel hinhält. „Könntest du es dir vorstellen?“

„Das muss ich mir erst gründlich überlegen, jedenfalls beruhigt es ein wenig, zu wissen, dass es die Option gibt. Danke für den Hinweis, bevor ich gepfändet werde, greife ich eventuell darauf zurück.“

Eigentlich muss ich’s mir nicht lange überlegen, denke ich, als ich die steile Treppe vorsichtig hinabsteige, für nichts auf der Welt würde ich sowas tun.

Die Fortsetzung:

„Annäherung“

Credit

Traumhafte Schönheit: Moana Bee

Schönheit auf dem Sofa: Nicht im Webcam Geschäft sondern Model Alyssa Nicole Pallett / Koons inspired / AozerBrigitteslips

Korrektorat Ada Delsolco, Bastian Exner und Anna Staudacher

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