Helge Timmerberg

Maharashtra, Indien 1994

3. Oktober 1994.

Die Angst vor der Pest saß wie eine Ratte in den Höhlen meines Unterbewußtseins, als ich gegen Mitternacht aus dem Sarah International Airport in Bombay trat und ein Taxi bestieg. Reine Nervensache. Jeden Morgen, jeden Abend die Lymphdrüsen abtasten und sauber im Glauben bleiben, denn den Gläubigen erwischt es nicht, hat Mohammed, der Prophet, gesagt.

Foto von Enrico Bossan

 

Der Arzt, der Apotheker, der Chefredakteur rieten dagegen zur prophylaktischen Version. Vibramycin, eine Tablette pro Tag, als vorbeugende Medizin, und wenn mich die Pest trotzdem krallen sollte, dann die Wumme Breitband-Antibiotika.

Ich hatte Ampullen mit Anwendungshinweisen, Spritzen und Nadeln dabei, aber keine Ahnung, wie man eine Spritze zusammenbaut und wie man die Ader trifft. Zum ersten Mal fand ich es von Nachteil, nicht irgendwann auch mal Junkie gewesen zu sein.

„Welcome in India“, sagte der Fahrer, „we have big problem here.“

 

Also wie immer. Ich bot ihm eine Zigarette an. Um ihm Feuer zu geben, lehnte ich mich weit zu ihm hinüber, kam sehr nah an sein Gesicht. Aber es klappte nicht. Er nahm mein Feuerzeug, machte es selbst und drückte es mir wieder in die Hand. Habe ich jetzt die Pest?

4. Oktober 1994.

Geradezu prima geschlafen im „Taj Mahal“. Es war das beste Hotelzimmer meines bisherigen Lebens. Kolonialstil, Roomservice rund um die Uhr, mit butterweichen Teppichen und einem Bad, so geräumig wie ein Einzelzimmer im „Sheraton“. Mein Fenster ging zum Gate of India raus, zum Arabischen Meer.

Da waren Schiffe, da waren Boote, da waren Menschen am Kai. Keiner trug Mundschutz. In der Lobby auch nicht, wo ich Enrico, den Fotografen aus Italien, traf. Er war schon seit sechs Tagen hier. Erst gestern war er aus Surat zurückgekommen. Alles gelaufen, sagte er. Du kommst zu spät. Die Panik ist vorbei. Die Leute sterben nicht mehr. Sie haben ihren Mundschutz ab­genommen und ihre Läden wieder aufgemacht. Was willst du tun?

Erst mal ankommen, erst mal rausgehen, auf die Straße. Und kaum öffnet sich die schwere „Taj Mahal“-Eingangstür, rumms, waren da die Tropen. Big mother India umarmte mich mit einem heißen, schwülen Kuß. Willkommen.

Vergiß die Pest. Enrico sah das anders. Er wollte so schnell wie möglich mit einem Trupp Rattenfänger los. Über 6.000 Ratten hatten sie in den letzten drei Tagen getötet.

Man sagt, daß in Bombay vierzig auf jeden Menschen kommen. Und über zwölf Millionen Einwohner hat diese Stadt. Das wird eine lange Nacht, Enrico, da tut Eile nicht not. Außerdem mag ich keine Ratten. Ich will auch keine sehen.

„Aber was willst du?“

„Batterien für meine Hörgeräte.“

„Kein Problem.“

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Wir fanden sie bereits nach zehn Minuten. Das hätte ich nicht von Bombay gedacht. Hat sich sehr verändert, diese Stadt. Enrico wollte ins Krankenhaus.

 

Und wann setze ich mir den Mundschutz auf? Spätestens, wenn Enrico es tut. Der kennt sich aus. Der kennt auch den Arzt der Quarantänestation, einen kleinen, lustigen Mann, der nicht lügen kann. Das kann keiner in diesem Land. Das wissen sie selbst am besten. Wenn Inder lügen, dann versuchen sie, einen Glanz über ihre Augen zu ziehen, der ihre wahren Gedanken verdeckt. Und weil sie ahnen, daß dieser Glanz sie sofort verrät, werden sie unsicher. Und wenn sie unsicher werden, dann lachen sie. Der kleine indische Doktor in seinem kleinen indischen Krankenhausbüro, von dessen Wänden der Putz blättert, spricht von 120 neuen Patienten mit Pestverdacht. Aber alle Blutproben seien negativ. Sie hätten alle was anderes, Cholera, Malaria, Syphilis, TBC. Aber keine Pest. Nicht ein Fall, und er lachte dabei die ganze Zeit. Enrico lachte auch, ich lachte, und als ein zweiter Arzt in den Raum kam und uns lachen sah, machte er mit. Ich hatte mir das alles in allem weniger lustig vorgestellt in einem indischen Pestkrankenhaus.

Natürlich konnte ich es verstehen. Die Pest hatte sich in den vergangenen Tagen auf zweierlei Art in diesem Land ausgebreitet. Zuerst über die Flöhe, die von den Ratten auf die Menschen hüpften, und dann über die Medien. Die Bazillen haben die Krankheit gebracht, die Journalisten haben die Panik gemacht. Ohne deren Arbeit wäre keiner aus Surat geflohen, hätte keiner die Pest nach Delhi, Bombay, Madras, Kalkutta und Bangalore geschleppt. Journalismus und Epidemien, das paßt in etwa so zusammen wie Feuer und Benzin.

 

Isolierstation.

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Zeit für den Mundschutz, Zeit für die Angst, Zeit, sämtliche Organe zu verkrampfen, in dem Versuch, sie zu schließen vor allem, was von außen kommt. Da waren sie, da lagen sie, da hockten sie auf ihren Betten, ohne Gesicht, nur mit großen, indischen Augen.

Foto von Enrico Bossan

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Und einige standen auf und kamen näher, und als der kleine Doktor uns einen Patienten vorstellte, kamen sie noch näher ran. Das ist so in Indien. Wenn sie neugierig sind, kriechen sie fast in dich hinein. Ein Kreis von angeblich nicht pestbefallenen, Mundschutz und blaue Kittel tragenden Kranken schloß sich um mich. Und zog sich enger. Und irgendwas in mir machte dieses Geräusch, das man hört, wenn die Falle zuschnappt. Etwas berührte mich. Einer von ihnen stupste meinen Arm mit seinem Gesicht. Der Doktor fauchte ihn an. Habe ich jetzt die Pest?

Im Taxi, zurück ins Hotel, ging’s mir schlecht. Es gibt ja bekanntlich drei Sorten von Pest. Die Beulenpest, die Lungenpest und die Pest im Kopf. Das ist die ansteckendste. Du brauchst nur darüber zu lesen und wirst schon krank. Und so sah ich plötzlich im Taxi die Welt durch zweifaches Glas. Das im Fenster und das, was man nicht runterkurbeln kann. Wie eine Glocke negativer Energie umgab es mich. Ich sah das indische Leben auf der Straße, die lustigen Autos, die Lichter, die Menschen, die Palmen, das Obst an den Ständen, ich sah die Hunde, ein paar heilige Kühe, schöne Häuser, häßliche Häuser, Ampeln und Reklame, und es war nicht mehr meine Welt. Als hätte ich bereits Abschied genommen, als hätte ich mich bereits ein paar Schritte von allem entfernt. Kann sich der Bazillus durch den Mundschutz eines Kranken bohren und dann durch den Ärmel meines Baumwollhemdes? Und wenn ja, kann er dann so tun, als hätte ich keine Antibiotika zur Vorbeugung genommen? Ätsch Mann, bätsch Mann, ich mach’, was ich will? Die mentale Pest rafft zuerst den Verstand dahin.

Foto von Enrico Bossan

5. Oktober 1994.

Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Ich wußte jetzt, wohin. Nicht in die Slums und Krankenhäuser von Surat, deren Bilder sowieso schon und ohne mein Zutun um die Welt gingen, sondern raus aufs Land. Wo sie herkam, diese 94er Epidemie. Die ersten Pestfälle wurden im Bezirk Beed registriert, etwa 400 Kilometer von Bombay

entfernt. Das haben sie alle nebenbei erwähnt, Spiegel, Stern, New York Times. Aber keiner war dort gewesen. Mein Informationsstand zu diesem Zeitpunkt: Vor etwa einem Jahr bebte dort die Erde. Das hat Aufruhr unter die Ratten im Wald gebracht. Nach dem Erdbeben sind sie in die Dörfer gezogen und sind mit den Dorfratten familiär geworden. Die Ratten aus dem Wald hatten die Pest und steckten die anderen an. Durch einen Floh, der von Ratte zu Ratte springt. Manchmal springt er auch Menschen an. Und die Menschen haben ihn von Beed nach Surat gebracht.Um nach Beed zu kommen, mußten wir in eine Stadt namens Aurangabad fliegen und von dort mit dem Taxi weiterfahren. Der Flug ging um sieben Uhr morgens, das heißt, um fünf waren wir wach. Es war ein schöner Morgen. Das Taxi bretterte durch leere Straßen, die Luft war angenehm kühl, in mir waberte Reisefreude.

Wir flogen mit Indian Airlines, eine der schlechtesten Fluglinien weltweit. Ihre technischen Probleme bemerkten sie glücklicherweise noch vor dem Start.

Foto von Enrico Bossan

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Foto von Enrico Bossan

 

In Aurangabad frühstückten wir im Hotel „Taj Residence“. Wie ein Palast gebaut, nur völlig leer. „Wegen der Pest“, sagte der Junge, der uns bediente. Die Morgenzeitung berichtete, daß man die Seuche überall in Indien unter Kontrolle gebracht habe, nur nicht in Beed, da sei sie noch außer Rand und Band. 125 Kilometer von Teebuden und Märkten gesäumte indische Landstraße sind es bis dahin.

Das Krankenhaus in Beed war genauso wie das in Bombay. Nur daß es hier uniformierte Ordensschwestern gab. Und einen Arzt, der nicht lachte. Der hatte Angst. Oder lag es daran, daß ein Gesicht, das von der Nasenwurzel bis zum Kinn von einem Mundschutz bedeckt ist, immer Angst vermittelt? Weil einem so schnell vom eigenen Atem heiß dahinter wird? Es ist ein komisches Gefühl. Und man sieht nur die obere Gesichtspartie. Allein der Mundschutz signalisiert Gefahr in deinem Gehirn. Höchste Stufe. Rot.

140 Pestfälle hatten sie. Und keiner von denen stand auf, als wir die Intensivstation betraten. Die waren wirklich krank. Enrico schoß in Windeseile seine Fotos, dann suchten wir das Weite.

Ein Spaziergang durch die Bezirkshauptstadt. 50.000 Einwohner, nie ein Tourist. Keine Sehenswürdigkeiten, nur frühkapitalistischer Handel und Wandel. Textilindustrie. Ein kleines Städtchen mit kleinen Läden und schmalen Straßen, Enrico suchte das Krematorium. Fotografen sind so. Krankenhaus, Verbrennungsstätte, Rattenvernichtungsaktion, das ist ihr natürliches Arbeitsprogramm. Meines nicht. Ich wollte zum Tempel. Ich hatte die Nase voll. Meine Geschichte hatte ich noch immer nicht gefunden.

Ich brauchte langsam, ganz langsam, die Hilfe der Götter, einen Wink, einen Fingerzeig. Enrico suchte das Krematorium, ich wollte davon nichts wissen. Wir kamen an den Fluß, der Beed in zwei Hälften teilt. Davor war eine Stadtmauer und ein Tor, und dahinter war der Tempel. Die indischen Tempel stehen oft in einem Wasserbassin, in dem die Hindus ihre Wäsche waschen und ihre Seele baden. Dieses

war schmutzig, und ein schmutziger Sadhu saß davor.

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Der Tempel stand in der Mitte des Bassins, ein Pfad führte durch das Wasser zu ihm hin. Ich machte es klassisch. Erst setzte ich mich an den Bassinrand, um fünf Minuten zu meditieren, was schwierig war, weil drei Inder gleichzeitig auf mich einredeten, dann zog ich mir die Schuhe aus und ging in Ganeshs Haus. Ganesh, der Elefantengott. Überwinder aller Schwierigkeiten. Schutzpatron der Dichter, Diebe und Händler. Ich läutete die Glocken über mir, drei Stück, und jede dreimal. Ganesh, Ganesh, der du aus Stein vor mir stehst, erhöre meine Bitte und weise mir den Weg. Meinetwegen mit deinem Rüssel.

„Wie heißt das Dorf?“

„Mamla.“

„Wie weit ist es von hier?“

„Dreißig Meilen.“

„Kommst du mit?“

„Nein.“

Er war der Besitzer des Teehauses, er sprach Englisch und er hat mir fünf Minuten nach meinem Besuch in dem Tempel das Ziel meiner Reise genannt. Die Pest war von dem kleinen Dorf Mamla nach Beed gekommen. Vor mehr als einem Monat. Wie es da jetzt aussah, wußte er nicht. Aber er hätte es gerne gewußt. Mitkommen wollte er trotzdem nicht. Trotz aller Neugierde.

Als wir aus Beed hinausfuhren, konnte ich es förmlich riechen. Ich war auf dem richtigen Weg. Im richtigen Indien. Die Landstraße wurde endgültig schmal, und es waren nur noch Lehmhütten an ihrem Rand und Hängebauchschweine, und statt Autos kamen uns Ochsenkarren entgegen mit Männern drauf, die rote Turbane trugen. Und die Frauen, so bunt wie Schmetterlinge, trugen Blumen und Nasenringe. Es war ein hügeliges, grünes, fruchtbares Land mit Bergen rechts hinten am Horizont. Klasse Licht fiel vom Himmel. Spätnachmittag. Vielleicht noch zwei Stunden bis Sonnenuntergang.

Dann mußten wir von der asphaltierten Straße auf einen Ochsenkarrenweg. Der Fahrer fluchte wegen der großen Steine und weil er das Dorf nicht fand. Er fragte ein paar Leute. Ein kleiner Junge bot sich als Führer an. Stieg zu uns in den Wagen. Er war schön, er strahlte, ich fühlte, wie mein Herz wegschwamm. Ich weiß nicht, wie man es anders benennen kann: Der Kleine auf dem Beifahrersitz hatte eine große Seele.

„Wie heißt du?“

„Rabrindra.“

Noch eine Meile voller gemeiner Steine, dann waren wir da. „Mamla“, sagte Rabrindra. Das Dorf, aus dem die Pest gekommen ist.

Foto von Enrico Bossan

Zunächst verstand niemand den anderen. Vierzig Kinder und ein paar Männer sahen mich strahlend an. „You speak English?“ Wurde strahlend verneint. Ich winkte unseren Fahrer ran. Der beherrschte ein paar Worte. Zehn vielleicht. Für „Car“ und „Tourist“ und „Hotel“ gingen schon mal drei davon drauf. Und mir entfleuchte auch das eine oder andere Wort. Viva la mimica. Ich legte meine Hände wie zwei Flügel an meinen Kopf, und die flogen mit den Gedanken fort.

Auf diese Art war folgendes zu erfahren. Rund 300 Menschen leben in dem Dorf. Über die Hälfte von ihnen hat die Pest. Jeden Tag kommt ein Arzt oder ein Medizinassistent und die Krankenschwester.

Auch morgen früh, um zehn Uhr. Und jetzt sei es besser, wenn wir wieder in die Stadt zurückführen, weil in dieser Gegend nachts bewaffnete Räuber umgingen.

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Foto von Enrico Bossan

6. Oktober 1994.

Ich hatte für die Kinder drei Torten mitgebracht. Aus der Hotelkonditorei des „Rama-International“. Eine Schokoladen-, eine Erdbeer- und eine Sahnetorte. Ich hielt das für ’ne gute Idee. Der Fahrer nicht. Die Torten standen während der vier Stunden dauernden Fahrt nach Mamla in Pappkartons verpackt neben ihm. Er fürchtete, sie würden in der Sonne schmelzen und in seinen kunstvoll bestickten Beifahrersitz fließen. Ein bißchen albern angesichts der Gefahren, die da sonst noch waren.

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Foto von Enrico Bossan

Was für Gefahren? Es gibt keine mehr, sagte Mr. Dattatraya Babusao, der Medizinassistent. Er war tatsächlich am nächsten Morgen in Mamla. Und auch die Schwester Miss Sushila Gaikwad. Und dann kam noch Mr. Mukesh Waichalkar, der Desinfektor. Hatte zwei Helfer dabei, Rattenkäfige und DDT. Und beide, Mr. Babusao und Mr. Waichalkar, sprachen Englisch. Endlich verständliche Worte in dieser durch Panik verwirrten Welt.

Also, es war am 26. August dieses Jahres, da wachte der elfjährige Mahadeo Sambhaji Khalge morgens mit hohem Fieber auf. Seine Eltern glaubten, er hätte Malaria, und brachten ihn mit dem Ochsenkarren zum Erste-Hilfe-Zentrum Kuppa, das ist siebzehn Kilometer entfernt. Ein kleines Steinhaus mit zwei Zimmern und einem alten Mikroskop. Da fanden sie heraus, daß es nicht die Malaria war. Der kleine Mahadeo war der erste, der in Indien an der Pest erkrankte.

Sie gaben ihm das Antibiotikum Tetracyclin, und er genas. Als wir über ihn sprachen, zupfte er strahlend an mir rum. Wollte mir was zeigen. Brachte mich zu den Feldern seines Vaters. Merkwürdige Blumen wuchsen darauf. Er faßte an sein Hemd, um zu erklären, daß es ein Baumwollfeld war.

Innerhalb von vier Wochen erkrankten insgesamt 145 Dorfbewohner an der Pest. Sie fanden dann heraus, woran es lag. Auf dem Weg zu ihren Feldern stand eine unbewohnte Hütte. Sie war voller Ratten, und eine schwarze Wolke von Fliegen schwirrte ständig darin herum. Und kam heraus, wenn die Menschen daran vorbeigingen. Heute ist diese Hütte so fliegenfrei wie eine Isolierstation in der Schweiz. Sie haben sie mit DDT praktisch tapeziert. Das ganze Dorf haben sie mit diesem Gift abgedeckt, den Boden und alle Mauern, bis zu einer Höhe von 60 Zentimetern, obwohl die Rattenflöhe nur 20 Zentimeter hoch hüpfen. Deshalb wurde auch empfohlen, Gummistiefel zu tragen (was natürlich keiner tat) und in den Hütten nicht mehr auf dem Lehmboden zu schlafen, sondern auf Betten, auch 60 Zentimeter hoch.

Dann stellten sie ein Zelt mitten in das Dorf, gleich gegenüber ihrem kleinen Maruti-Altar. Die Maruti sind die Windgötter der alten Arier, die waren schon 2.500 Jahre vor Christus hier, Gefährten des Kriegsgottes Indra, Kinder Shivas. Ihnen untersteht der Sturm. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang standen die Dorfbewohner vor dem Altar und schwenkten ihre kleinen Kerzen und sangen, der Sturm möge die Pest aus dem Dorf wehen. Danach gingen sie zu dem Zelt, wo Schwester Sushila mit einer großen Dose mit bunten Pillen auf sie wartete. Nur wer wirklich erkrankt war, bekam Tetracyclin. Prophylaktisch lief in Mamla gar nichts. Aus vier Gründen.

 

1. Wer zu lange vorbeugend Antibiotika nimmt, bei dem wirken sie irgendwann nicht mehr, und wenn dann die Pest kommt, hat er Pech gehabt.

2. Die Nebenwirkungen sind hart.

 

3. Ohne die Antibiotika sind die Pestsymptome klarer und eindeutiger zu erkennen.

 

4. Wenn die Krankheit da ist, wirken die Pillen fast hundertprozentig sicher.

Die Heilungschancen für die früh genug erkannte Pest sind größer als die von Malaria. Und wer einmal die Pest hatte und sie kuriert hat, bekommt sie nie wieder. Ist für alle Zeiten immun.

Früh genug behandelt. Das ist der Punkt. Die Pest beginnt immer mit hohem Fieber und Beulen. Die Lymphknoten schwellen an, die Bakterien gehen ins Blut. Wenn sie die Lunge erreichen, wird Lungenpest daraus. Und dann ist Schluß mit lustig. Weil die Lungenpest über den Atem und den Speichel und das Blut darin extrem ansteckend ist. Bei irgendwem muß das so gelaufen sein, als er vom Bezirk Beed nach Surat unterwegs war. Und dann kamen die Bilder, die wir inzwischen alle kennen. Weil in Surat in den ersten Tagen kein Impfstoff da war und keiner durchblickte und weil die meisten Kranken Slumbewohner waren. Schwach, ausgezehrt, keine Abwehrkräfte. Auch die Lungenpest ist heilbar. Man muß nur sehr viel früher ran. Sonst bist du nach drei Tagen tot. Die Beulenpest läßt dir ohne Medizin zwei Wochen Zeit. Mit Antibiotika läßt sie dir die halbe Ewigkeit.

Foto von Enrico Bossan

Was mir in Mamla klar wurde, war, daß die ganze Welt falsch tickte, als in Indien die Pest ausbrach. Wir haben die indischen Ärzte Schönredner genannt und schlampig, dabei haben sie uns gezeigt, wie es geht. Im Westen findet man kaum noch einen Arzt, der praktische Erfahrungen mit der Pest hat. Nicht mal im Hamburger Tropeninstitut. Weil sie da den letzten Fall 1948 hatten.

In Indien gibt’s jedes Jahr ein bißchen Pest. So zwanzig Fälle im Schnitt. Für sie eine Krankheit wie Cholera, Malaria etc. Wer immer die Pest bekommen sollte, ist bei einem indischen Arzt besser aufgehoben als bei uns. Weil er a) richtig behandelt wird und b) keine Panik verschrieben bekommt. Die Inder haben diesen Horrormythos nicht. Die Panik war das Werk der Medien. Kann man bei insgesamt 200 Toten in einem 900-Millionen-Land im Ernst von einer Epidemie sprechen, die das ganze Land bedroht, die ganze Welt? Overreported nennt man das.

Von den 145 Pestkranken in Mamla ist nicht einer gestorben, und es siecht auch keiner dahin. Im Gegenteil. Sie haben den Schwarzen Tod gerochen, jetzt duftet das Leben um so mehr. Das ist es, was das Strahlen auf ihren Gesichtern ausmacht. Deshalb hatte ich die Torten dabei. Geburtstagsfeier für ein Dorf. Ich schnitt mit einem Riesenmesser die Stücke, alle Kinder stellten sich an. Etwa die Hälfte von ihnen hat es bereut. Die mochten keinen Kuchen aus der Edelkonditorei. Aßen ihn aber trotzdem, aus Höflichkeit. Dann zeigten sie mir die Sonnenblumenfelder, wir liefen auf dem Weg dorthin. Ich meine Dauerlauf, mit kurzen Sprints. Wie Kinder eben sind. Etwas außerhalb des Dorfes kamen wir an einer abgelegenen Hütte vorbei. Da war auch ein Bach und ein Schwein, und in der Hütte saß ein halbnackter alter Mann. Eine Schale mit Reis neben sich. Er rührte sich nicht. Auch nicht, als ich mit den Kindern vor ihm stand. lch war nicht nur der erste Journalist, ich war der erste Ausländer überhaupt in diesem Dorf. Und er zuckte nicht mal mit der Wimper. Ein Heiliger? Der kleine Mahadeo Sambheji Khalge, Indiens erster Pestpatient, tippte, um es mir zu erklären, mit dem Finger an seine Stirn und verdrehte die Augen.

Drei Frauen kamen über einen Pfad aus dem Sonnenblumenfeld. Wir verließen den Spinner und gingen mit ihnen zurück ins Dorf. Wo inzwischen geklebt wurde. Sie hatten neue Plakate bekommen. Vor meinem Spaziergang hingen an den Lehmwänden der Hütten nur die kleinen schwarzweißen mit den Verhaltensregeln für die Pest. Jetzt hatten sie zwei große bunte in DIN A1. Das eine zeigte einen Mann und eine Frau, die erschöpft ein riesiges Haus trugen, in dem zu viele Kinder waren. Auf dem anderen war ein Mädchen mit langen schwarzen Zöpfen zu sehen, das weinte. Um seinen Kopf war so etwas wie ein schwarzer Gürtel gebunden, und von dem hingen parallel zu den Zöpfen Steigbügel herab. Darunter stand etwas auf Hindi. Der Medizinassistent übersetzte es mir.

„Heirate kein Mädchen unter achtzehn!“

„Warum?“ fragte ich.

„Weil es zu jung dafür ist. Es hat noch sein ganzes Leben vor sich.“

„Und wenn es achtzehn geworden ist?“

„Dann heirate es.“

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Was gibt es noch von diesem Tag in Mamla zu berichten? Eine Ziege kam nieder, hat zwei kleine schwarze Babys gekriegt, und vor den Hütten hockten die Nasenringe tragenden Frauen und kochten das übliche Gericht, Reis und Dahl, und als wir rausfuhren aus dem Dorf, in dem die Pest zu Hause war, da winkten dreißig, vierzig Kinder lachend hinter uns her. Danke, ihr Götter des Windes und Dank auch dir, du Gott der Chemiefabrik.

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Autor Helge Timmerberg und Fotograf Enrico Bossan

Erschienen November 1994 im TEMPO Magazine und im Buch "Tiger fressen keine Yogis"

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Das Buch ist keine Droge, obwohl manche Reiseberichte LSD-Trips nachempfunden scheinen, sondern Medizin für die Seele. (...) Ein Buch, das Frieden stiftet, trotz oder wegen der Extreme, die er miteinander kollidieren und sich miteinander versöhnen lässt.

 

Mathieu Carrière

Der Standard (Wien), 16.2.02, Album S. 9

Credits

Cover Page Photo : Santiago Ruy Sanchez 

Illustrationen: Maielin van Eilum

Gate: Nathan Hughes HamiltonMap of india for tb: 3xK 

A rat in а street of Sofia : Edal Anton LefterovGanesh in Aurangabad: Iijjccoo, Dutch Wikipedia

Lektorat: Ada Delsolco, Gabi Schlenstedt und Marie Nürnberg

Translator: Artemis Meereis

TEMPO Archiv: Stephan Timm

Published by Solibro Verlag

Audiobook spoken by Mathieu Carrière 

Vielen Dank an Wolfgang Neumann / Solibro Verlag